2010 – Willkommen in der Welt 2.0!
Das letzte Jahr stand ganz im Zeichen des großen Zitterns vor der Krise, der Angst vor dem Klimawandel, der Hoffnung auf den frisch amtierenden “Messias” Barack Obama. Nun: Die Krise ist bei den meisten Menschen noch nicht angekommen – ebensowenig wie der Klimawandel. Doch von beiden geht unveränderte eine große Gefahr aus. Und der neue “Messias”?
Zur Inauguration Anfang 2009 habe ich hier im Blog die Hoffnung betont, die Barack Obama in der ganzen Welt ausgelöst hat, das Charisma, das seine Wahl zu einem unvergleichlichen Signal gemacht hat, die Symbolkraft, die der erste Schwarze an der Spitze der USA auch außerhalb Amerikas besitzt. Doch schon damals habe ich kritisch bemerkt, dass es auf die Taten des neuen US-Präsidenten ankommen wird. Und Obama hat schon im ersten Jahr alle auf der ganzen Linie enttäuscht. Guantanamo ist nicht geschlossen. Statt den Klimagipfel durch neue und ernstgemeinte Bemühungen der USA zu bereichern oder gar zu retten, bejubelt der US-Präsident ein Ergebnis, das eigentlich ein völliges Scheitern ist. Und nach nicht einmal einem Jahr Obama kommt es zum ersten versuchten Terroranschlag auf die USA. Doch während George W. Bush dafür gescholten wurde, dass er bei 9/11 mehrere Minuten gebraucht hat, um zu reagieren, urlaubt Obama auch nach über einer Woche ungestört weiter auf Hawaii – obwohl seine Mitarbeiter auf der ganzen Linie versagt haben.
Doch das Ausbleiben des politischen Messias hat auch seine positiven Seiten. Denn die Menschen werden lernen (müssen), ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und nicht darauf warten zu können, dass einzelne Politiker die Welt im Alleingang retten. Christoph Chorherr hat in einem bemerkenswerten Blog-Beitrag wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen:
Also traeumen wir nicht von einer notwendigen Weltregierung, sondern staerken all jene, die dort arbeiten und leben, wo dei Energiewende entschieden wird. In jeder Gemeinde, in jeder Stadt. Nur wenn die Vorteile erkannt werden, wird sie sich durchsetzen. V.a. das sollten wir aus Kopenhagen lernen.
Ich würde allerdings sogar noch einen Schritt weiter gehen. Gerade die von mir so gerne kritisierte (linke) (Uni-)Protestbewegung hat gezeigt, dass im Zeitalter des Web 2.0, in der Zeit von Facebook, Twitter und anderen sozialen Netzwerken politische Entwicklungen und Meinungsbildung oft abseits austretener Trampelpfade massenmedialer Berichterstattung und parteipolitischer Tradition ablaufen. Massenmedien haben die neue Medienwelt nicht verstanden und sind mit den neuen Kommunikations- und Interaktionsstrukturen völlig überfordert. Politische Parteien haben nur dann eine Chance, wenn sie verstehen, dass herkömmliche Strukturen und Abläufe im Web 2.0 nicht funktionieren. Die parteipolitische Keule ist was für Hardcore-Fans (die es ja auch gibt), doch wirkliche Politikgestaltung funktioniert im Web 2.0 nur mit gleichberechtigter, sachpolitischer Interaktion abseits der Parteienhomepages.
Für die Menschen in aller Welt ist das aber eine gute Nachricht. Denn die weltweite Vernetzung, die durch das Web 2.0 noch enger und noch basisbezogener geworden ist, wird es möglich machen, gemeinsame Anliegen nationenübergreifend von der Basis her zu vertreten: egal, ob es nun die Menschen selbst in der Hand haben, durch weltweite Vernetzung etwa beim Klimawandel Druck auf die Verantwortlichen zu machen, ob sie überkommene Medienstrukturen mit wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten durch neue Formen von Publikationen überholen oder ob die Mitgestaltung in der EU durch Bürgerbegehren erst durch das Web 2.0 eine echte Chance bekommt.
2010 läutet ein neues Jahrzehnt ein. Wir stehen vor großen Herausforderungen – aber auch vor enormen Chancen. Es wird auf uns selbst ankommen, was wir daraus machen.





Ein sehr optimistischer Blick in die Zukunft – denn ich nicht teilen kann. Zum einen haben die Uniproteste mE vor allem gezeigt, wie wirksam die sogenannte Schweigespirale wirklich ist. Die hoch vernetzten, hoch aktiven Leute nehmen diejenigen in Geiselhaft, die ihre Kraft lieber woanders einsetzen. Man hat eben nur ein beschränktes Zeitbudget. Und was den ‘Messias Obama’ betrifft: Gerade unsere säkulare Gesellschaft hat einen ungeheuren Bedarf nach solchen Heilsgestalten, nach dem Himmel auf Erden sozusagen. Daher ist Obama nicht der erste gewesen, an den völlig unerreichbare Erwartungen geknüpft waren, und er wird auch nicht der letzte gewesen sein. Daraus wird niemand eine dauerhafte Lehre ziehen; Menschen bleiben nun einmal Menschen.