• Umfrageschmäh und Medienverantwortung

    März 05, 2009 7 comments

    Die Diskussion um ein Verbot von Meinungsumfragen nach dem Debakel bei der Meinungsforscher bei den jüngsten Landtagswahlen geht völlig an der Problematik vorbei. Einerseits wäre es eine fragwürdige Beschränkung der Meinungsfreiheit und eine Bevormundung der mündigen Wähler, andererseits liegt das Problem schlicht und einfach woanders.

    Die Instrumentalisierung von Meinungsumfragen durch Auftraggeber ist so alt wie die Meinungsforschung selbst. Die SPÖ liefert im letzten halben Jahr gleich drei perfekte Beispiele dafür:

    1) Der Aufholschmäh der Nationalratswahl

    Zu Beginn des Nationalratswahlkampfs inszeniert die SPÖ einen dramatischen Absturz in den Umfragen auf 20% (der nur durch ein einziges SPÖ-nahes Institut belegt war), um im Wahlkampf eine Aufholjagd zu inszenieren. Die Medien schrieben die Umfrage brav ab. So blickt etwa “Der Standard” auf Wahlmanagerin Doris Bures zurück:

    Bitter war dann auch der Abschied, als sie im Zuge der Demontage Gusenbauers wieder in die Parteizentrale zurückgeholt wurde, um zu retten, was noch zu retten war bei Umfrage-Werten von rund 20 Prozent für die SPÖ.

    2) Der Kärnten-Schmäh

    In Kärnten wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPÖ und BZÖ inszeniert. Das Ergebnis ist allgemein bekannt.

    3) Der EU-Schmäh

    Auch bei der EU-Wahl geht die SPÖ nun nach exakt dem selben Schema vor. SPÖ-Chef Werner Faymann verbreitet, die SPÖ würde laut Umfragen hinter der ÖVP liegen. Eine einzige Umfrage soll das belegen – alle anderen Umfragen zeigen gegenteilige Ergebnisse. Aber ein guter Mobilisierungstrick der SPÖ.

    Nun ist es das gute Recht von Parteien aber auch von Unternehmen, im Rahmen ihrer Werbung auch auf diese Tricks zurückzugreifen. Und es ist scheinbar das gute Recht von Meinungsforschungsunternehmen, sich nach den Wünschen ihrer Auftraggeber zu richten. Spielregeln, die allgemein bekannt sind.

    Ein Fehler der Journalisten?

    Nun würde kein Mensch einer Umfrage von Coca Cola trauen, dass 90% der Bevölkerung Coca Cola für das beste Getränk der Welt halten. Wenn allerdings das Umfrageinstitut IFES – im Besitz von SPÖ-Pensionistenchef Blecha - eine Umfrage veröffentlicht, die der Strategie der SPÖ gelegen kommt und allen anderen Daten widerspricht, wird diese Umfrage von allen Medien völlig unkritisch wiedergegeben. Doch der Fehler wird woanders gesucht. So schreibt Martin Fritzl in der Presse:

    Und die angeblich gefälschten Prognosen? Da sind die Meinungsforschungsinstitute selbst gefordert. Ein Institut, das da mitspielt, ruiniert seine eigene Glaubwürdigkeit – und die einer ganzen Branche dazu. Gewisse Selbstregulierungsmechanismen scheinen notwendig zu sein. Sonst werden künftig Meinungsumfragen überhaupt nicht mehr ernst genommen.

    Existenfrage für den Journalismus in Zeiten des Web 2.0

    Es wird Zeit, dass Journalisten ihre Aufgabe wieder ernst nehmen. Gefragt sind nicht nur Abschreibübungen gemischt mit eigener Meinung, gefragt ist kritischer, recherchierender und aufklärender Journalismus. Und das heißt nicht nur, die Situation der Politik oder Wirtschaft zu kritisieren. Das bedeutet, von verschiedensten Seiten präsentierte Daten und angebliche Fakten kritisch zu hinterfragen, zu vergleichen und Hintergründe darzustellen.

    Dann – und nur dann – hat der Journalismus eine Berechtigung gegenüber verschiedensten Erscheinungsformen des Web 2.0. Denn eine eigene Meinung hat ein Blogger auch, unhinterfragte Behauptungen finden wir heute alle in den Tiefen des World Wide Web. Wenn Journalisten aber ihre Rolle als Gatekeeper behalten wollen, werden sie hier mehr bieten müssen.

    Mehr zum Thema Journalismus und Web 2.0 übrigens in meiner Bakk1-Arbeit: “Sind Blogger Journalisten?”

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    7 Reponses to "Umfrageschmäh und Medienverantwortung"

    1. clemensticar 06 Mrz 2009

      Ich verstehe was du meinst und kann dir trotzdem nicht folgen. Aus zweierlei Gründen, lasse mich aber gerne von allen Seiten eines besseren belehren:

      1. Ein Journalist kann nicht selbst Meinungsumfragen starten. Dafür fehlt ihm die Zeit und auch das nötige Wissen.

      2. Das Lesen und Interpretieren von Meinungsumfragen ist durchaus Aufgabe des Journalisten, ist ganz klar. Er kann aber nur lesen und interpretieren was da ist. Das er mit Meinungsumfragen den Wunsch der Leser befriedigt, ist ihm nicht vorzuwerfen. Das er Umfrageergebnisse von Instituten verwendet genauso wenig – egal ob jetzt ein roter, schwarzer, grüner oder karrierter Besitzer dieses Institut leitet.

      Im übrigen bin ich der Meinung, dass die SPÖ, hätte es diese Umfrage nicht gegeben, selbst kommuniziert hätte wie schlecht es ihr geht und eine Aufholjagd gestartet.

    2. Gerhard W. Loub 06 Mrz 2009

      Also zu Punkt 1:
      Ein Massenmedium kann – und tut das auch – natürlich selbst Meinungsumfragen beauftragen. Und in den Beispielen, die ich als typisch angeführt habe, genügt es, die Eigentumsverhältnisse und Abhängigkeiten der Umfrageinstitute zu kennen oder schlicht die vorhandenen Umfragen zu vergleich.
      Punkt 2:
      Natürlich darf ein Journalist alle Umfragen verwenden. Aber er muss auch kritisch hinterfragen und dem Leser entsprechende Details zur Glaubwürdigkeit mitliefern. Journalismus ist keine Abschreibübung.
      Und zur “Aufholjagd”: Es ist ein Unterschied, ob eine Partei oder ein scheinbar seriöses Umfrageinstitut etwas präsentiert – vor allem bei der Frage der Glaubwürdigkeit. Wenn die SPÖ behauptet, dass es ihr schlecht geht, wird die Frage kommen, warum sie das tut – und nicht alles 1:1 für bare Münze genommen werden.

    3. Armin soyka 07 Mrz 2009

      Natürlich ist es richtig – kritischer journalismus ist am aussterben! Die medien kommen ihrer aufgabe nicht mehr zur genüge nach! Der grund ist klar ersichtlich: das liebe geld! Guter interrogativer qualitativer journalismus ist teuer! Ich muss gut und gerne damit rechnen einen tag an drei oder vier zeilen zu spitzen! Wenn ich eine feste anstellung habe dann geht das ja noch, aber bin ich freier journalist (das wird in österreich mehr und mehr zur norm) und werde pro zeichen bezahlt, dann werde ich mir drei mal überlegen, ob ich recherchiere oder doch eine apa meldung abschreibe! Fazit: wir müssen uns qualität etwas kosten lassen – oder von nix kommt nix! Heute habe ich im Falter gelesen, dass wider 3000 zeitungen pro tag weniger verkauft werden, es sieht also schlecht aus für uns – aus dem einfachen grund: quantität und preis gehen uns über qualität!

    4. Gerhard W. Loub 07 Mrz 2009

      @Armin: Da geb ich Dir völlig recht, die Arbeitsverhältnisse vor allem junger Journalisten sind furchtbar. Ich würde mir gerade von Medien, die moralische Autorität für sich beanspruchen, hier mehr Rückgrat erwarten. Ich glaube, dass nur qualitativ hochwertiger Journalismus auf Dauer eine Überlebenschance hat. Den Rest wird man sich gratis via Internet holen. Übrigens gibt´s in der heutigen Presse eine interessante Titelstory dazu.

    5. mr mustard 09 Mrz 2009

      aha. und umfragen von fessel/GFK, das ja bekanntlich der ÖVP nahesteht, sind natürlich um vieles glaubwürdiger als jene vom IFES? (Rudolf Bretschneider (geschäftsführender gesellschafter im Fessel-GfK-Institut) gilt als guter Freund von W. Schüssel.) es ist unerträglich, wie sie hier immer alles durch eine rosarote äh schwarz-gefärbte brille sehen und als seriöse analysen eines poltisch-interessierten menschen verkaufen.

    6. Gerhard W. Loub 11 Mrz 2009

      Nun, wenn Sie mein Blog so unerträglich finden, tut es mir natürlich leid. Ich betone aber auf der Seite klar, dass ich der ÖVP zugehörig bin und hier natürlich meine politische Heimat sehe. Ich stehe zu meiner Meinung – egal, wen das stört.
      Zum konkreten Vergleich: Ich habe nie behauptet, dass es nur Meinungsforschungsinstitute gibt, die der SPÖ nahestehen. Das werden Sie bei Lektüre des Beitrags schnell erkennen. Richtig ist jedoch, dass sich die jüngsten Vorwürfe in der öffentlichen Debatte wegen tendenziöser Umfragen ausschließlich gegen die SPÖ richten. Natürlich ist das nur eine Momentaufnahme, aber ein Faktum.
      Der Vergleich von IFES mit Fessel/GfK ist natürlich völlig unsinnig. Sicher besteht ein Naheverhältnis einzelner Personen – doch schließlich hat auch jeder Meinungsforscher eine eigene politische Meinung. Ich erinnere nur an den gescheiterten LIF-Spitzenkandidaten. Doch während bei Fessel-GFK lediglich eine Nähe zur ÖVP durch persönliche Bekanntschaften im Raum steht, befindet sich das IFES-Institut IM BESITZ einer Führungspersönlichkeit der SPÖ, und zwar des Chefs der gewichtigsten SPÖ-Teilorganisation, Karl Blecha. Während also der ÖVP die Nähe zu einem Umfrageinstitut nachgesagt wird, kann der SPÖ-Funktionär als Eigentümer selbst bestimmen, was sein Institut macht. Ein drastischer Unterschied, finden Sie nicht auch?

    7. mr mustard 12 Mrz 2009

      unerträglich finde ich weder den blog per se noch ihre politische heimat. unerträglich finde ich dieses blinde kaderdenken, dem hier gefröhnt wird, ohne irgendwas zu hinterfragen. verkürzt darsgestellt: alles links der politischen mitte ist automatisch schlecht und gehört verbal denunziert, alles andere ist super. und nur die oevp ist die wahre heimatpartei und kann das land retten… – mich wundert, dass es hier keine gröfaz (größter finanzminister aller zeiten) khg-unterseiten (*lol*) oder einen virtuellen w. schüssel hergottswinkel gibt. (vorsicht: ironie) – zu meinem bekanntenkreis zählen wähler ihrer partei genauso wie von spoe oder den gruenen – manche davon sogar mitarbeiter wie sie. doch keiner sieht das handeln der eigenen partei so unreflektiert wie sie hier – ständiges verbales bashing (mit durchaus feiner klinge) des/der andersdenkenden inklusive. leute wie sie sorgen dafür, dass sich die oevp mit ihren standpunkten einzementiert (hr neugebauer lässt grüßen) und nicht weiterentwickelt. das resultat dieser denke: die neuwahlen im herbst 08. klar dass die oevp lieber mit den obskuranten von fpoe oder bzoe regieren würde, denn dann gäbe es wieder eine defacto-alleinregierung der oevp wie zwischen 2000 und 2006. ein (zugegeben unglücklicher) leserbrief (mit zu hinterfragendem inhalt) an eine tageszeitung sprengt die letzte koalition. “es reicht” – ja durchaus verständlich, weil unverlässlicher partner. ABER als sich damals die fpoe aufspaltete in fpoe/bzoe gab es keine neuwahlen… wie bitte!? die fpoe/bzoe-kasperln waren verlässlichere partner!? hier agiert(e) die oevp heuchlerisch und nur auf den eigenen vorteil bedacht. nur das wohl des landes steht/stand im vordergrund… ja, ganz genau. aber sowas werden sie hier nie hinterfragen, weil alles, was der wolfi, willi und der sepp treiben, ist ja eh ganz, ganz super

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