• Der Amoklauf in Winnenden und das Web 2.0

    März 11, 2009 20 comments

    Der Amoklauf von Winnenden wirft viele Fragen auf. Eine davon wird sicher die nach den Vorbildern sein. Unter ihnen ganz sicher der Hamburger Rapper Swiss. Unter dem Titel “Der letzte Schultag” rappt er etwa:

    Ich werd mich umbring und euch mitnehm denn ihr habt mich gefickt //
    Ich habs gesagt, ihr habt gelacht aber geglaubt habt ihrs nie //
    Ihr habt gesagt: “Du Freak, geh lieber wieder Counter-Strike spiel’n” //
    “Ihr werdet seh’n, ihr gottverdammten, arroganten Gestalten //
    Morgen werd’ ich komm’ und dann den Schultag anders gestalten //
    [...]
    /
    Ich hör mich schrein: “Euer Blut wird heut die Wand da bespritzen” //
    Mein Lehrer steht auf, schreit: “STEFAN! Was machst du?!” //
    Ich drück ab, er hat ein Loch im Kopf, torkelt jetzt auf die Wand zu //
    Die ganzen Mädchen fang zu schrein an, typisch Weiber //
    [...]

    Es ist wahr, mein Tag ist endlich gekomm’ //
    Ich hab die Pumpgun aus meinem Schrank in meine Hände genomm’ //
    Denn wenn ich komm ist es an der Zeit für euch zu geh’n //
    Wenn ich da war bleibt keiner steh’n //
    Es fühlt sich gut an, man, ich fühl mich befreit //
    Ich bin zum ersten mal am leben, ich hab Flügel dabei //

    AmoklaufVollversion auf YouTube

    Doch im Internet finden sich noch viel mehr bedenkliche Inhalte. So verbreitet ein User auf YouTube unter dem Titel “Die Abrechnung” eine Ode an Amokläufer und bezeichnet sich auf seiner Homepage sogar selbst als “potentiellen Amokläufer”.

    Auch der Amokläufer von Winnenden, Tim Kretschmer, soll sich in einem Video auf YouTube (“Jetzt geht´s los, ich schieß die Gewehre”) verewigt haben (wobei Tikey für die englisch ausgesprochenen Anfangsbuchstaben von TimKretschmer stehen soll). Zumindest kursiert dieses Gerücht derzeit im Web. Allerdings ist das Video schon von 2007, die einzige auffindbare Ortsbezeichnung lautet “Offenbach” (allerdings vom Uploader, nicht von Tikey). Überprüfbar ist das Ganze derzeit nicht.

    Apropos Web 2.0: Die erste Meldung zum Amoklauf gab es auf Twitter, die Autorin wurde prompt von CNN kontaktiert. Tontaube ist derzeit sicher die berühmteste deutschsprachtige Twitterin. Die Reporter, die nun das Elternhaus des Täters in Winnenden belagern, finden sich nun auf Twitpic. Nun hat sich eine wahre Jagd nach Details zu “Tim Kretschmer” entwickelt, nachzuverfolgen unter Twitter, wobei die Fehlerquote auffällig hoch ist. Da wird schon mal ein Tim Kretschmer auf seiner Homepage beschimpft,  obwohl der aus der falschen Ortschaft stammt.  Die Tatsache, dass auf der Amazon-Wunschliste eines Tim Kretschmer ein Ballerspiel steht, wird als Beweis dafür genommen, dass (wieder einmal) Gewaltspiele für einen Amoklauf sorgen, wobei übersehen wird, dass die Versandadresse beweist, dass es sich nicht um den Amokläufer handelt. Und natürlich kursieren diverse Verschwörungstheorien, wie etwa die Behauptung, die Polizei wäre bereits VOR der Tat an der Schule präsent gewesen (und hat bei der Tat zugeschaut, oder was sonst?!?).

    Nur wenig Bezug gibt es auf konventionelle Medienberichte. Jeder ist sein eigener “Bürgerjournalist”. Dass die Qualität der Recherche dabei auf der Strecke bleibt scheint da ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass bei der Durchleuchtung des “gläsernen Menschen” viele unschuldig zum Handkuss kommen. Es wird spannend sein, wieviele dieser Gerüchte sich in den nächsten 24 Stunden in den traditionellen Massenmedien wiederfinden – oder ob diese sich tatsächlich mehr journalistischer Sorgfalt verpflichtet fühlen.

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    20 Reponses to "Der Amoklauf in Winnenden und das Web 2.0"

    1. kaddl 11 Mrz 2009

      ganz klar… immer die musikindustrie, oder noch besser… videospiele!! Das ich nicht lache… das größte Problem besteht nach wie vor in der deutschen bildungspolitik und nicht in irgendwelchen computerspielen oder songs.
      Wenn erziehung an punkten versagt an denen die bildungspolitik was machen könnte, wieso passiert da nix? wieviele jugendliche in deutschland sind denn bitte potentielle amokläufer? wenns danach geht wohl jeder! traurig traurig… das die politik sich wohl nie ihre fehler eingestehen wird :(

    2. Pascal 11 Mrz 2009

      Guter Bericht.
      Sehr richtig und vernünftig.
      Bin voll und ganz deiner Meinung.

    3. ramses 11 Mrz 2009

      warum hat denn hier die bildungspolitik schuld??? er kam aus gutem hause (vater unternehmer), er hat die mittlere reife gemacht und ging zuletzt auf eine privatschule! ausserdem wohnte er in einer gegend (großraum stuttgart) in der die berufsaussichten besser sind als sonst irgendwo in deutschland!

      sorry, aber hier ist nicht die bildungspolitik schuld sondern die synapsen in seinem schädel, die offensichtlich nicht ordnungsgemäss miteinander vernetzt waren!

    4. Gerhard W. Loub 11 Mrz 2009

      Also der Fehler der Bildungspolitik im Speziellen wird tatsächlich schwer zu finden sein. Im Konnex mit der dramatisch steigenden Gewaltbereitschaft von Jugendlichen ist allerdings ein gesellschaftliches Problem erkennbar. Nur: Ist die Bildung schuld? Sind die Eltern / die Familie schuld? Müßte die Schule sich allein um das Heranwachsen der Kinder kümmern? Liegt es daran, dass sich die Mütter nicht mehr hauptberuflich um die Erziehung der Kinder kümmern? Unmengen an – sicher auch provokant formulierten – Fragen die sich auch hier wieder stellen…

    5. bodo 11 Mrz 2009

      die Amazon-Wunschliste ist übrigens von einem Tim Kretschmer aus Frankfurt / Oder, Brandenburg..

    6. Critical 11 Mrz 2009

      Bei all den Diskussionen, wer letztlich nun Schuld trägt an dieser Tragödie, die mehr als nur Leid verursacht hat, ob Bildungs- oder Erziehungspolitik, gesellschaftliche Veränderungen, die die sogenannte “Ellenbogengesellschaft” forcieren – denkt eigentlich jemand daran, dass Tim auch der Sohn von Eltern war, die ihn sicher geliebt haben …?! Man redet über die Opfer und deren Angehörige, zu recht, allemal, aber es gibt auch die Eltern des Täters, die leiden wie all die anderen auch – vielleicht noch viel mehr …

    7. Daniela4936 11 Mrz 2009

      Wo bleibt das Mitgefühl? Geht es hier nur noch um wer hat Schuld und wer nicht? Zu Allererst gehört doch mal unser ganzes Mitgefühl den Angehörigen der Opfer sowie der Familie von Tim!!!!

      Das bei uns was falsch läuft dürfte wohl schon fast jeder 13jährige (siehe Kinderarmut) erfahren haben. Also anstatt über Parteizugehörigkeit zu schreiben…meine Aufforderung…werdet doch mal laut anstatt nur hier lautlos zu klagen!!!!!!!

    8. Gerhard W. Loub 11 Mrz 2009

      Also abgesehen von der Frage, wo hier über Parteizugehörigkeit geschrieben wurde: Natürlich gehört mein vollstes Mitgefühl den Opfern, wie ich schon geschrieben habe. Die Situation der Eltern kann ich nicht beurteilen. Sie haben einen Sohn verloren, mußten auf schreckliche und brutale Weise feststellen, wozu ihr eigener Sohn fähig ist. Natürlich fragen wir uns zurecht: Haben die Eltern nichts bemerkt? Eine Frage, die wir nicht beantworten können. Doch unser Mitgefühl haben auch sie in dieser schweren Stunde.

    9. Daniela4936 11 Mrz 2009

      Wie Du bereits geschrieben hast, meinst Du nicht, das sämtliche Spekulationen und ungerechte Einschätzungen den Angehörigen der Opfer sowie den Eltern des Täters nicht unbedingt dazu beitragen zu helfen, mit der Situation zu Recht zu kommen?

    10. Gretus 11 Mrz 2009

      Hallo,

      habe ein der Stimmmung entsprechendes Video gefunden, hoffe es hat hier Platz: http://www.staytubed.de :-(

      Grüße

      Gretus

    11. Daki 12 Mrz 2009

      Um es einmal provokant zu formulieren, es ist nicht wirklich einfach eine Familie zu haben! Das bedeutet viel Verantwortung, Uneigennuetzigkeit und harte Arbeit! Wenn man sich dann viel mehr um Autos, Designerkram, etc. und weniger um zwischenmenschliche Aspekte kuemmert bleiben halt manche auf der Strecke und das sind nicht selten die Kinder. Insofern sind TV- und Computerspielmuell nicht die Ursache sondern das Symptom von gesellschaftlichen Problemen die man einfach nicht wegdiskutieren kann.

      Nur, man darf nicht alles auf die Familie schieben! Man muss auch den Staat in die Pflicht nehmen sich dieser gesellschaftlichen Veraenderungen anzunehmen und zu helfen. Stichwort, Ganztagesschulen, Schulreform und generell Verbesserung der Ausbilidung. Die Dinge sind nicht schlecht in Oesterreich, glaubts mir! Nur, das heisst nicht dass sie viel besser sein koennten.

    12. Gerhard W. Loub 12 Mrz 2009

      Also bezüglich Familie: Nur ein gutes Familienleben hilft Heranwachsenden Jugendlichen wirklich, die Rückzugsmöglichkeit, die Geborgenheit, die Möglichkeit, Probleme auszudiskutieren. Daher ist es bei aller Schmerzhaftigkeit wichtig, die Familie auch im konkreten Fall zu thematisieren, um daraus zu lernen – nicht, um mit dem Finger auf andere zu zeigen. Denn Fehler, die in dieser Familie passiert sind, können auch in anderen passieren – allerdings meist folgenlos. Wir wissen, dass Tim Kretschmer sich zurückgezogen hat, abrupt sein Verhalten geändert hat und zum Einzelgänger wurde. Dies hätte zu denken geben müssen. Aber wer hält da gleich das Schlimmste für möglich? Ich hätte es sicher nicht getan. Dennoch: Die Familie ist hier wichtig.
      Natürlich ist ein gutes Familienleben neben echtem Glück und viel Freude auch viel Arbeit – Arbeit, die von der heutigen Gesellschaft kaum belohnt oder honoriert wird. Stattdessen wird alles auf die Schule, Kasernierung in Ganztagsschulen und Verantwortung der Lehrer geschoben. Das kann nicht funktionieren! Denn die Geborgenheit, das Verständnis, das Miteinander kann keine Schule bieten. Und die Vertraulichkeit, mit intimsten und persönlichsten Problemen zu kommen, bieten nur beste Freunde und die eigene Familie – nicht jedoch die Schule oder der Lehrer.
      Wir müssen wieder zu mehr Menschlichkeit kommen. Wir müssen den Wert der Familie wieder gesellschaftlich honorieren. Wir müssen – und zwar jeder von uns – die Verantwortung gegenüber unseren Nächsten wieder ernst nehmen. Nur dann haben wir die Lehren aus Winnenden gezogen.

    13. Christian 12 Mrz 2009

      Ich bin mir sicher, dass sich die Lehren aus diesem Vorfall leider lediglich auf ein paar Präventivmaßnahmen der Schulen beschränken werden. Das Hauptproblem ist aber unsere Gesellschaft und das Umfeld in welchem unsere Kinder heutzutage audfwachsen. Die Medien sind leider das schlechteste Vorbild. Wie sich mal wieder gezeigt hat, sind die meisten TV-Sender sensationsgeil und schüren mit ungenügend geprüften Informationen die Gerüchteküche und die Klischees, siehe Ballerspiele etc..

      Die ganze Twitter-Berichterstattung ist meiner Ansicht nach ein Fiasko. Wenn ich sehe, dass sich sogar Fernsehsender noch schnell einen Twitter-Account anlegen um diese Tragödie auch noch im “Microblogging-Kosmos” ausschlachten zu können, dann stellen sich bei mir die Nackenhaare! Das ist die pure kommerzialisierung von Tragödien, bei welcher mir fast schlecht wird!

    14. [...]mir wurden Erinnerungen an das Massaker von Erfurt wach und ich verbrachte einige Zeit vor den Nachrichtensender N-TV, N24 und CNN, um unzählige Berichte förmlich aufzusaugen[...]

    15. Daki 12 Mrz 2009

      Ich stimme dem was Gerhard in 11 schreibt voll und ganz zu. Nur, es ist halt ein Problem wenn beide Eltern berufstaetig sein muessen um die Familie zu erhalten.
      Da stellt sich dann doch die Frage wer sich um die Kinder kuemmert?
      Leider gibt es die eierlegende Wollmilchsau in diesem Kontext noch nicht.

      Daher, natuerlich ist die Familie wichtig (am wichtigsten) aber das darueberhinausgehende Umfeld muss auch passen und dazu gehoeren nun mal super Kindergaerten, Schulen, Unis, etc.

      Auch wenn ich finde dass die christlichen Grundwerte noch immer unser Miteinander bestimmen sollten, es braucht dann doch bessere Vermittlungsversuche als es sie momentan gibt (naja, wenn mich da mal jemand verteht ;-))

    16. kaddl 12 Mrz 2009

      Wo die Bildungspolitik versagt hat?
      Nunja, wie ja nun heute bekannt wurde hat er seine Tat wohl im Internet angekündigt und selbst gesagt er wurde immer von allen unterschätzt, ausgelacht und missachten! zurückgewiesen! und keiner hat sich darum gekümmert seine talente zu fördern. Was heute auch sehr unrealistisch ist, wenn man klassengrößen von mehr als 25 schülern sieht. Privatschule hin oder her. was hat das mit aufmerksamkeit von lehrern oder förderungen von werten zu tun? nichts! an privatschulen sieht es doch heute nicht mehr anders aus als an den meisten durchschnittsschulen. Lehrkräfte die mit ihrer arbeit überfordert sind, weil sie sich um zu viele sachen kümmern müssen und der pädagogische aspekt zu kurz kommt. Heute wird wert darauf gelegt das man die literatur bis sonst wohin interpretieren kann, das man mit buchstaben rechnet und weiß wo welches land auf der welt liegt. an den allgemein bildenden schulen zumindest. ich selbst habe eine ausbildung und dann mein abi gemacht und sehe im studium jetzt, dass die leute die ein “normales” abitur haben einiges in bereichen können die im alltag total unwichtig sind. Jetzt sind diese leute deprimiert weil sie sehen sie können mit denen, die bereits eine ausbildung gemacht haben nicht mithalten, haben keine vorkenntnisse und vergraben sich vor so mancher möglichkeit sich helfen zu lassen, weil sie es nie gewohnt waren. und das ist ja schließlich auch aufs bildungssystem zurück zu führen.
      natürlich ist mir auch klar das man in der heutigen zeit nicht auf die talente der einzelen schüler eingehen kann um diese zu fördern, allerdings sollte etwas in diese richtung getan werden damit ich sich keiner mehr missverstanden, zurückgewiesen, oder missachtet fühlt…

    17. maily 12 Mrz 2009

      Es kann ja wohl nicht sein dass sowas heute

      zum Alltag werden soll ….

      Eltern verlieren ihre Kinder, Brüder ihre Schwestern

      und manche den besten Freund ….. was soll das und wo

      soll dass enden ?? ,-( Meine Meinung kein Kind wird depressiv gebohren

      dass Problem liegt auch eher an denen die es sehr wohl gesehen

      haben dass etwas nicht stimmt mit ihrem Sohn … denn dass war wohl

      mehr als auffällig und sorry Waffen frei zugänglich im Hause zu haben

      wenn mann Kinder gross zieht dass zeigt ja wohl wie erzogen wurde

      … Ich hoffe dass sowas allen die Augen öffnet … vorallem an alle Eltern

      Augen auf …auch wenns eure Kinder sind

    18. Gerhard W. Loub 12 Mrz 2009

      @daki: Genau hier sehe ich das Problem. Meist MÜSSEN beide Eltern noch arbeiten, für die Familie, für die Kinder bleibt nicht genug Zeit. Hier kann und muss die Politik ansetzen.
      @kaddl: Genau der heutige Bericht hat bewiesen, dass der Amoklauf nichts, aber auch gar nichts mit der Bildungspolitik zu tun hat. Denn der Amokläufer war in – teils stationärer – psychiatrischer Behandlung und hat diese konsequenzlos abgebrochen. Die Frage ist also zu stellen: Warum haben die entsprechenden Betreuungsstellen nicht reagiert und damit den Amoklauf verhindert? Warum haben die Eltern hier zugeschaut? Nein, das ist keine Schuldzuweisung, aber das sind Fragen, die beantwortet werden müssen. Erziehung und familiäre Geborgenheit können definitiv nicht durch Ganztagsschulen ersetzt werden.

    19. nuhp 13 Mrz 2009

      Die Sensationsgeilheit der Journalisten ist derzeit auch daran erkennbar, dass möglicherweise der Chatauszug gefälscht wurde und die Massenmedien scheinbar dies nicht überprüft haben, sondern die Aussagen des zuständigen Innenministeriums nahezu blind erstmal übernommen hatten. Der “Bürgerjournalismus” recherchierte hier wohl tiefgründiger als die Verantwortlichen bei den gro?Ÿen.

      P.S. Bitte vorheren Comment löschen.

    20. Midi1234 14 Mrz 2009

      Wie in den vorangegangenen Fällen wird auch jetzt über den Tag hinweg eilig ein Täterprofil zusammengeflickt. Schwarze Kleidung, wenig Freunde, in sich gekehrt und vor allem eine Neigung zu „Killerspielen” und Horrorvideos lautet die Beschreibung bis zum Abend des 11. März. Focus-Online titelt am 12. März: „Amokläufer spielte Gewaltspiele”. Den Kommentatoren der Medien zufolge stehe ein klares Motiv nicht fest. Der Junge komme aus wohl behüteten Verhältnissen.

      Killerspiele als willkommenes Alibi für jugendfeindliche Politik

      In Nachlese des Amoklaufs in Erfurt veröffentlichte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” unter dem Titel „Software fürs Massaker” einen Artikel, der das PC-Spiel „Counter Strike” als eine Art Trainingscamp für Amokläufer beschreibt. In gleicher Manier haben zahlreiche Politiker und „Experten” in den so genannten „Killerspielen” den Hauptgrund für Amokläufe ausgemacht. Die Spiele würden die Hemmschwelle zum Töten herabsetzen, Jugendliche abstumpfen und schließlich zum Töten trainieren. Edmund Stoiber und andere Politiker machten es zur Chefsache den Spielen den Garaus zumachen.

      Abgesehen davon, dass es schwierig ist, überhaupt einen Jugendlichen zu finden, der nicht auch mal ein „Killerspiel” spielt, kann ein ursächlicher Zusammenhang zwischen „Killerspielen” und Amokläufen nicht belegt werden. Dieselben Jugendlichen, die Beileidsbekundungen und ehrliche Bestürzung anlässlich des Amoklaufs über das SchülerVZ posten, sind zugleich Mitglied in Gruppen wie: „Ja,ich spiele Counterstrike. NEIN, ich plane KEINEN Amoklauf!”

      Natürlich kann der exzessive Gebrauch von „Killerspielen”, insbesondere bei Kindern und sehr jungen Jugendlichen, das Problembewusstsein zum Thema Gewalt negativ beeinflussen.

      Es ist aber auch offensichtlich, dass sich die Amokläufe nicht auf eine Neigung zu solchen PC-Spielen reduzieren lassen. Für Politiker ist dies jedoch eine willkommene Erklärung. Diese Debatte verhindert nämlich, dass die Ursachenforschung auf ihr eigenes Handwerk, nämlich eine jugendfeindliche Politik, fällt.

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