• Der Kommunikations-Tsunami

    August 31, 2009 1 comments

    Morgen geht´s wieder ins Büro und da wartet sie wieder: die absolute Kommunikationsflut. Während eines der Handys klingelt oder das Festnetztelefon läutet, heißt es, die ständig aufpoppenden emails im Auge zu behalten. Am rechten Bildschirm läuft der Twitterstream via Tweetdeck, auf Facebook stapeln sich Mails und wichtige und belanglose Anfragen. Dazwischen trudeln am Handy via SMS wichtige Nachrichten, APA-Eiltmeldungen oder dringende Fragen ein. Und da habe ich noch nicht einmal die diversen anderen sozialen Netzwerke wie Xing, StudiVZ, MySpace, Oeropa und zig andere SNS berücksichtigt – ganz zu schweigen von diversen weiteren dienstlichen und privaten email-Adressen. Bleibt zu hoffen, dass zumindest beim Chatten nur eine Plattform gleichzeitig in Verwendung ist. Wenigstens Faxe bleiben einem heute meist erspart, Briefe kommen kaum noch.

    Gerade in der Politik, und gerade an Stellen wie bei uns in der Webredaktion kann diese Kommunikationsflut zu einem richtigen Tsunami werden. Schließlich kommen neben den Anfragen aus dem eigenen “Unternehmen” noch die zahlreichen Fragen, Anregungen oder Diskussionsbeiträge von Bürgern aus dem ganzen Land, die – wohl nicht ganz zu Unrecht – die Politik als Dienstleister sehen und auf jede Anregung eine möglichst umgehende und umfangreiche Reaktion erwarten.

    Doch das Phänomen des Kommunikations-Tsunamis ist bei weitem nicht auf die Politik beschränkt. Mehr und mehr merkt jeder Teilnehmer der Kommunikationsflut – also eigentlich jeder mit Handy und Internet – die drückende Last, merkt, dass auch von ihm rasche Reaktion auf jede nur mögliche Anfrage erwartet wird. Doch jeder Mensch hat nur begrenzte Ressourcen, nur eine begrenzte Spanne an Aufmerksamkeit.

    Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass nicht jeder Kommunikationsversuch ankommt, wir werden uns daran gewöhnen müsen, nicht jeden überall und sofort zu erreichen. Die Zeit der ständigen Erreichbarkeit, in die uns die Entwicklung des Handys gebracht hat und die mit der Öffnung immer neuer paralleler Kommunikationskanäle zu einem erdrückenden und unüberschaubaren Tsunami des Information-Overflow geworden ist, wird wohl dazu führen, dass sich viele eines Tages einem Biedermeier der Kommunikationsverweigerung zuwenden. Und vielleicht kommt auch die Zeit, in der wir uns zwei Mal überlegen, ob etwas, das wir kommunizieren wollen, den Empfänger wirklich interessiert.


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    1 Response to "Der Kommunikations-Tsunami"

    1. Georg H. Jeitler 31 Aug 2009

      Ich denke, das, was Du beschreibst spiegelt sich bereits im Aufstieg des Microblogging und der Social Networks “2.0″ (Facebook) wider, denn diese Portale sind unverbindliche Kommunikation. Das was wir uns alle mittlerweile wünschen.

      Auch immer mehr zu sehen: Freunde, die unaufdringlich sein wollen, schreiben eine Nachricht in Facebook, statt ein Mail zu senden.

      Der Vorteil der Plattformen: Menschen stellen ihre Befindlichkeiten und Meinungen, oder aber auch Vereinsinformationen, Einladungen und Veranstaltungen auf Networks, die durch den Microblogging-Charakter geprägt sind, zur freien Disposition. Niemand muss antworten. Man kann. Und: Die meisten tun es sogar. Die Response ist höher als bei allen anderen Portalen, Mailings etc.

      Ich sehe darin u.a. die Gründe, warum Facebook so stark angenommen wird und XING immer mehr an Bedeutung verliert – in XING wird man etwa immer noch per lästigen Privatnachrichten zu Events eingeladen. Solche Kleinigkeiten bewegen Menschen, sich besseren Lösungen zuzuwenden.

      Die Verlagerung privater Kommunikation in die etwas unverbindlichere Microbloggingsphäre (ich zähle da aber jetzt aber formal falsch gleich die ganze Mechanik der guten Social Networks rein) ist denke ich ist der erste Schritt in die Richtung der von Dir skizzierten Abkehr der Dauererreichbarkeit. Die Networks sind ein Kommunkationssystem mit Pufferfunktion und ohne Verpflichtungscharakter.

      Natürlich wird es noch andere Veränderungen geben. Die dauernde Erreichbarkeit wird sich verändern. Ich bin mobil schon lange oft nicht erreichbar und lebe das auch sehr intensiv, denn ohne dem würde ich wahnsinnig werden. Auch gebe ich meine Handynummer nicht mehr überall her. Auf meiner Karte, in meinen Signaturen: Festnetz. Allerdings habe ich den Luxus eines Büros, das die Anrufe wenn ich nicht ran gehe für mich entgegen nimmt. Jedenfalls: Für das persönliche Wohlbefinden ist das unumgänglich. Ich habe mich schon vor Jahren dazu entschieden – nämlich als ich nach längeren Terminen oft über 10 Nachrichten auf der Mailbox habe. Allein keine Mailbox zu haben ist schon ein Traum. BTW, auch schlimm: Der vermeintliche Zwang, Menschen, die angerufen haben, zurückrufen zu müssen, wenn die Nummer dann am Handy steht.

      Und beim konventionellen Mail… da wird sich irgendwann einmal etwas wie eine Business-Ethik etablieren müssen. Etwa, nicht alles mit “OK” Antworten zu bestätigen. Oder, weil’s so schön ist, jeden in CC zu setzen. (Ich hab das Gefühl, CCs liest deswegen auch keiner mehr.) Am besten kombiniert mit verpflichtet signierten Mails. Das würde die Spamproblematik gleich mit beheben. Hier ist der Gesetzgeber gefordert: Wenn nur noch signierte Mails rechtlich anerkannt wären, hätten wir vielleicht ein paar Probleme weniger (anderes Thema, ich weiss).

      Auch ich bin gespannt, was sich rund um den Themenkomplex noch ändern wird. Da kommt noch viel Neues auf uns zu. Dass es so nicht weiter gehen wird, scheint allerdings naheliegend.

      Interessanter Artikel dazu: http://futurezone.orf.at/stories/1623389/

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