• iPad: Zwischen Revolution und Technikschrott

    Januar 29, 2010 1 comments

    Für die Jünger von Steve Jobs war es zweifelsohne die größte “Tafel”-Präsentation seit Moses am Berg Sinai: Die Vorstellung des neuen iPad. Die Apple-Ikone verspricht nicht weniger als die wichtigste Erfindung seines Lebens und eine echte Medienrevolution. Aber was steckt wirklich dahinter?

    Schon in meiner Arbeit zur Frage “Sind Blogger Journalisten?” sehe ich die Zukunft der Zeitung in einem multimedialen Mashup aus Zeitung, diversen Online-Medien, Video, Audio und Blog-Beiträgen, finanziert über Abo-Gebühren und/oder Werbung, präsentiert auf einem einfachen, dünnen und biegbaren elektronischen Papier, upgedatet an öffentlichen WLAN-Punkten bzw. via HSDPA & Co. Entscheidend für den Erfolg eines derartigen “Multi-Mediums” ist eine möglichst einfache, stabile und Zeitungsnahe Gestaltung. Das Ding muss also möglichst dünn, unkaputtbar und schnell einzustecken sein. Das Gerät muss ohne Usereingriff update- und wartbar sein. Das elektronische Papier existiert, die HSDPA-Verbindungen sind schnell genug, die Medienindustrie steckt in der Krise – der Einführung eines solchen Produkts steht also nicht viel im Weg.

    Steve Jobs hat mit dem iPad nun ein Gerät präsentiert, das viele Voraussetzungen für das “Multi-Medium” der Zukunft bietet. Erste Zeitungen werden dafür angeboten, UMTS- und WLAN-Anschluss sind zumindest optional. Das Gerät wirkt recht einfach bedienbar und schaut toll aus. Und dennoch ist es noch weit vom Durchbruch entfernt. Für eine elektronische Zeitung ist das iPad schlicht zu klobig und fragil (steckt das Ding doch mal in Eure Westentasche!). Für gewöhnliche Internet-Seiten ist es mangels Flash schlicht unbrauchbar. Und das Zappen zwischen Applets gibt´s mangels Multitasking auch nicht.

    Als Netbook-Ersatz ist das iPad völlig ungeeignet, da sich es als in sich geschlossenes System zwischen Adapterwahnsinn und Konnektivitätseinschränkungen wie üblich vom Rest der Welt abkoppelt (s. Web-Standard). Zum Publizieren im Sinne der oszillierende Rolle des Web 2.0 Users zwischen Kommunikator und Rezipient ist das Ding völlig unbrauchbar, da es weder eine Kamera hat noch beim Tippen auch nur annähernd stabil liegen bleibt (dank des toll abgerundeten Rückenteils). So gesehen bewegt sich das Gerät hart an der Grenze zum Technikschrott.

    Und dennoch: Das iPad hat noch nicht verloren. Auch das iPhone ist ein in sich geschlossenes System, das am Anfang irgendwo zwischen veralteter Technologie ohne Videokamera, mit GPRS statt UMTS und ohne GPS daher kam. Und obwohl es technisch eigentlich schon zum Zeitpunkt der Erscheinung veraltet war, hat das iPhone danke Jobs genialer Marketing-Strategie einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Aber dieses System kennen wir ja schon von Microsoft: Nicht die Qualität entscheidet, sondern die Vermarktung.

    Steve Jobs iPad ist ein absolut faszinierender Luxus-Artikel, ein überdimensionales iPhone ohne Telefonfunktion, dafür mit viel Spiel, Spaß und Spannung, vielen neue Applets, viel Cash für Apple und möglicherweise viel Cash für Medienunternehmen und Softwareschmieden. Das iPad kann der entscheidende Anstoß für den dringend nötigen Wandel des dahinsiechenden Zeitungsmarkts sein, kann der Beginn eines grundlegenden Wandels des Mediennutzungsverhaltens sein. Das iPad ist keine Revolution – aber es kann eine Revolution auslösen.


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