2011: Power to the People 2.0 5


Das Web 2.0 gilt – gerade unter der Bezeichnung „social web“ – als Demokratisierung des Internet. Auch ich habe – etwa in meiner Bakk2-Arbeit „Demokratisierung des ‚iconic turn‘ durch das ‚Web 2.0‘“ diesen Aspekt beleuchtet – wenn auch nicht gerade kritiklos. 2010 war also das Jahr, in dem auch in Österreich die User gemeint haben, durch ihre Aktivitäten gleichberechtigte Meinungsbildner im Internet zu werden. Die Kommunikation mit den Mächtigen auf Augenhöhe, das Schlagwort „We the media“ für die Bedeutung des „grassroot-journalism“, Facebook als usergenerierte Nachrichtenmaschine – all das hat uns das Gefühl gegeben, wir, die einzelnen User, hätten durch das Web mehr Macht und Einfluss, als würde das Web 2.0 demokratischer sein.

Doch 2011 werden wir erkennen müssen, dass die Entwicklung auch gewaltige Gefahren birgt. Schon bis jetzt wurde – wenn auch ziemlich lasch – vor möglichen Gefahren von Facebook gewarnt. doch diese Warnungen sind großteils ungehört verhallt. Sicher, die meisten von uns wissen, dass Material, das einmal auf Facebook, einmal im Web gelandet ist, immer für alle zu finden sein wird. Doch die Gefahr reicht wesentlich weiter. Wie ich in meinem Blog „Trends 2.0“ vor einigen Tagen berichtet habe, wurde Facebook in den USA 2010 öfter besucht als Google. Etwa jeder vierte Österreicher hat sein eigenes Facebook-Profil, Facebook-Seiten ersetzen Internet-Auftritte, Facebook-Kommunikation sorgt dafür, dass Facebook-User einen entscheidenden Informationsvorsprung haben.

Damit geben wir Facebook aber mehr Macht, als uns bewusst ist. Wer nicht auf Facebook ist, wird Opfer des „digital divide 2.0“ (vgl. „Web 2.0 und digital divide„), ist von wichtigen Kommunikations- und Informationsflüssen  abgeschnitten. Firmen, denen Facebook ihre Seite abdreht, verlieren einen wesentlichen Standfuß – und können damit sogar ihre Geschäftsgrundlage verlieren. Facebook-Adressen ersetzen URLs – und damit entscheidet allein Facebook über die Erreichbarkeit und Namensgebung.

In kleinem Rahmen habe auch ich mitbekommen, wie radikal und willkürlich Facebook agieren kann. Seit über einem Jahr habe ich die Facebook-Seite für Penzing (www.facebook.com/penzing) aufgebaut, mit hunderten Stunden Arbeit eine Community aufgebaut und betreut und mit dreistelligen Euro-Beträgen beworben (was für eine reine Privataktion doch nicht wenig ist). Zu Silvester hat Facebook die Seite abgedreht – mit einem recht allgemeinen Hinweis auf Verstöße gegen die Facebook-Bestimmungen durch die Gründung(!) dieser Seite (obwohl diese im Rahmen der Bewerbung von Facebook geprüft worden war). Nicht einmal, welche Seite abgedreht wurde, ist mir mitgeteilt worden, das habe ich erst herausfinden müssen.

Und wie kann ich jetzt agieren? Facebook versteckt jede Einspruchsmöglichkeit, nennt keine Kontaktdaten oder Beschwerdestelle. Und rechtlich gegen Facebook vorzugehen ist wohl eher eine Kamikaze-Aktion.

Was für mich schmerzlich und ärgerlich ist, raubt anderen die Existenz. Facebook hat keine marktbeherrschende Stellung, Facebook IST der Markt. Es gibt weder Selbstregulierung noch Gesetze. Allein Mark Zuckerberg & Co. entscheiden, was erlaubt ist und was nicht, wer Zugang hat und wer nicht. Zuckerberg kann Existenzen vernichten, Firmen ihrer Basis berauben, Menschen willkürlich von Information- und Kommunikation ausschließen.

Es wird Aufgabe der Politik sein – und zwar auf internationaler, auf EU-Ebene, denn nationales Vorgehen ringt Zuckerberg bestenfalls ein mildes Lächeln ab, für eine wirkungsvolle Vertretung der Interessen der Facebook-User zu sorgen. Die Einschränkung der Bürgerrechte durch Servicierung der Copyright-Lobby und die Forcierung von Internet-Sperren läuft ja auf Hochtouren. Jetzt wird es Zeit, sich auch einmal um die Bürgerrechte im Internet zu kümmern.

Es geht nicht darum, Facebook, Web 2.0. oder social web zu verhindern oder durch Vorschriften unbrauchbar zu machen. Facebook ist und bleibt Teil unseres Lebens – und das ist gut so. Aber es wird Zeit, demokratische Rechte wie Freiheit, Gleichberechtigung und rechtsstaatliche Grundsätze auch im Web 2.0 und gegenüber den dominanten Konzernen zur Geltung zu bringen.


Kommentar verfassen

5 Gedanken zu “2011: Power to the People 2.0

  • Mrx

    Gesetze für große Websites? Wie abstrus ist das denn? Google ist mit allen subprojekten wie youtube und gmail immer noch vorne und auch da gibts gewisse alleinstellungsmerkmale…

    Aber es braucht doch keine Gesetze für Facebook und was Facebook darf und was nicht. Man muss sich nur mal anschauen wie schnell zB myspace von der Bildfläche verschwunden ist und die waren auch mal ganz oben. Es ist nunmal Fakt, dass wenn man sich auf 1 Merkmal konzentriert, man sehr schnell vom Markt weg ist. Das ist wie wenn man Skiliftbetreiber ist und es nicht mehr schneit. Zu glauben dass es immer jedes Jahr schneit ist blauäugig, zu glauben dass Facebook nicht macht was was sie wollen ebenso!

    Facebook kann von den Usern genauso fallen gelassen werden wenn sie a) etwas zuoft falsch machen oder b) einfach etwas neues kommt.

    Gesetze dafür zu fordern was im Grunde der User wirklich selber verbrochen hat und wo es keinen Gesetzesbruch gibt finde ich falsch. Du hast die AGB akzeptiert, dann lebe einfach damit. Wenn man eine Community zu 100% auf FB aufzieht, dann ist man halt auch FB ausgeliefert, oh was für eine Überraschung. Man kann halt nicht immer nur die Vorteile (geiles Hosting, die ganzen FB-Features, 100% gratis usw usw) nützen und die Kehrseite nicht sehen.

  • Gerhard W. Loub Beitragsautor

    Leider fehlt Dir offensichtlich das nötige Wissen, um hier eine sinnvolle Diskussionsbasis zu finden. Also ein paar Korrekturen:
    1) Facebook ist keine einfache Website, sondern ein soziales Netzwerk.
    2) Facebook ist mit „Gefällt mir“ und „Share“ im gesamten Web dominant.
    3) Die Userzahlen von MySpace zu Bestzeiten und Facebook heute sind nicht annähernd vergleichbar.
    4) Gesetze müssen überall gelten – auch für Soziale Netzwerke.
    5) Für marktbeherrschende Unternehmen gibt es eigentlich klare Regeln, die nur bei Facebook nicht eingefordert werden.
    6) Weder Facebook noch MySpace haben sich auf ein Merkmal konzentriert.
    7) Ein einfaches Fallenlassen durch User ist bei der Verbreitung ausgeschlossen, vor allem durch die webweite Vernetzung mit „Likes“ und „Shares“.
    8) AGB müssen auch vom Betreiber eingehalten werden.
    9) Eine Facebook-Community kann nicht parallel aufgezogen werden.
    Vielleicht geben Dir diese Punkte zu denken. Wenn Du Dich etwas in die Materie eingearbeitet hast, können wir gerne weiter diskutieren.

  • Mrx

    ad 10: siehe http://diepresse.com/home/techscience/internet/622114/Facebook-ueberholt-Google-als-meistbesuchte-USSeite usw > „Mit 8,9 Prozent aller Seitenaufrufe in den USA liegt das soziale Netzwerk vor der Suchmaschine mit 7,2 Prozent. Werden auch Youtube und Gmail gerechnet, bleibt Google auf Platz eins.“

    ad 1: soziales netzwerk auf basis einer website. das hier ist auch blog und website. website heißt ja nicht dass alles statisch ist.

    ad 2: siehe myspace usw: dominanz kann sich ändern, das ist ja wie bei den parteien, hochburgen bleiben nicht ewig hochburgen

    ad 3: schon klar, die besucherzahlen von vor 5 Jahren im netz waren auch andere als jetzt, aber relativ gesehen war eben auch myspace mal auf platz 1 und jetzt schon weit abgeschlagen

    ad 4: wer sagt denn dass die gesetze nicht gelten? und zwar die gesetze im sinne von STGB usw und nicht irgendwelche netiquetten? Du hast ja keinen Anspruch auf eine Fangruppe oder deren Erhalt, oder sehe ich das falsch?

    ad 5) Unternehmensgesetze für M&A usw, klar, bin ich voll bei dir, aber nochmals: Auf welche Gesetze willst du pochen? MRK auf Anrecht auf eine Fangruppe?

    ad 6) kA Was du meinst

    ad 7) Warum sollte das ausgeschlossen sein? Die mediale Welt dreht sich immer schneller. Wie schnell war Kazaa weg vom Markt weils einfach was besseres gab? Wie schnell ist von HD-Ready nicht mehr die Rede weil (Full) HD einfach viel billiger geworden ist, wie schnell sind irgendwelche Parallellwelten im Internet weg weils dann doch niemanden interessiert. Facebook ist auch „nur“ eine riesige Blase die sofort weg ist wenn es was besseres gibt.

    ad 8) AGB ja geb ich dir recht, aber die sind doch bei FBe schon lange unterschrieben und wenn da drin steht dass du die Rechte an deinen Bildern abtrittst, dann ist das auch so. Ein Anrecht auf erhalt einer Gruppe wirst du da wohl nicht finden. Also nochmal die Frage: Auf was willst du da pochen?

    ad 9) Warum sollte das nicht gehen? Seien wir uns doch ehrlich, es ist den meisten Usern egal auf welcher Website sie sich befinden, solange dort ein paar nette Features und die Freunde auch sind und man sich austauschen kann. Ich geb dir recht: Auf FB geht das superbequem, aber die Technik dahinter ist kein Buch mit 7 Siegeln.

    und zum Abschluss: Keine Sorge: Ich hab schon das notwendige Wissen, gerade deswegen würde mich interessieren: Auf was für ein Recht willst du denn pochen