Partizipationspyramide 2.0

Partizipationspyramide 2.0

Wie wird der Beteiligungsgrad im Online-Bereich gemessen? Diese Frage beschäftigt mich gerade bei meiner Diplomarbeit. Ein Zwischenstand, eine neue Partizipationspyramide 2.0, bei der ich für Eure Inputs und Kommentare sehr dankbar wäre!

Partizipationspyramide: Die Ursprünge

Zur Darstellung der Intensität des Engagements wird gerne auf eine „Partizipationspyramide“ zurückgegriffen, die den Grad des Engagements hierarchisch anordnet. Lester W. Milbrath unterscheidet in der Grundform drei Ebenen: Die „Gladiator activities“, die „transitional activities“ und die „spectator activities(Milbrath, 1965, S. 19) (Milbrath & Goel, 1977, S. 18). Es geht also von einer „Leuchtturmfunktion“, die direkte Beteiligung in der politischen Arena über sporadische Beteiligung bis zur bloßen Konsumation oder offensiver Präsentation politischer Standpunkte. Ruedin (Ruedin, 2007, S. 10) stellt die adaptierte Milbrath-Pyramide wie in Abbildung 1 dar.

Partizipationspyramide nach Milbarth

Abbildung 1: Partizipationspyramide nach Milbarth

Partizipationspyramide nach Kersting

Kersting wendet die ursprünglich auf Milbarth basierende Partizipationspyramide auf den Onlinebereich an und skizziert die in Abbildung 2 dargestellte „Partizipationspyramide gesellschaftlichen Handelns im Social Web“. Auch hier wird der Grad der Beteiligung klar dargestellt, auch wenn für eine tiefergehende Analyse eine detailliertere Auflistung notwendig erscheint. Dabei ist der Begriff „politisch konsumieren“ zumindest stark missverständlich gewählt. Denn für Kersting geht es keineswegs um rein passiven Konsum, wie etwa an der Basis der Pyramide, sondern viel mehr nicht nur um „… sozial-ökologische Boykott- und Buykottaktionen, sondern auch diskursive Beiträge in einer Vielzahl von kritischen Verbraucherplattformen, Weblogs, Facebookseiten u.ä.“ (Kersting, 2014, S. 1942f.). Das wiederum übersteigt aber den Beteiligungsgrad bloßen „Sharens“ eindeutig.

Partizipationspyramide zivilgesellschaftlichen Handelns im Social Web

Abbildung 2: Partizipationspyramide zivilgesellschaftlichen Handelns im Social Web

Ein weiterer interessanter Begriff ist der Begriff des „Clicktivism“, der nicht über eine Zustimmung oder Ablehnung hinausgeht. Dazu zählen Likes, das Unterschreiben von Petitionen oder das Beteiligen an Online-Umfragen. Dabei geht es um eine extrem niederschwellige Form der Beteiligung, die dem User allerdings vorgaukelt, mit einem simplen Klick nicht nur seine Meinung kundgetan zu haben, sondern auch politisch etwas bewegt zu haben. In Wirklichkeit verliert diese Form der Beteiligung gerade durch ihre enorme Niederschwelligkeit und dementsprechend durch die Quantität der Teilnehmer enorm an Bedeutung. Da der User jedoch dennoch von der Bedeutung seiner Handlung für das gesellschaftliche Wohl überzeugt ist, spricht Mozorov auch zutreffend vom so genannten „Feel Good Aktivismus“. Mozorov beschreibt „Slacktivismus“ drastisch:

Slacktivism“ is an apt term to describe feel-good online activism that has zero political or social impact. 
(Mozorov, 2009)

Dabei wird der Begriff „slacker“ als Basis genommen, das bedeutet so viel wie „Nichtstuer“ oder „Faulenzer“ (Härtel & Embacher, 2011, S. 24). Wir bewegen uns also im Bereich der Ego-Pflege, im „Wellness-Bereich“ der Online-Partizipation.

Partizipationspyramide 2.0

Ausgehend von dieser enormen Spannweite von Beteiligungsgraden bei Online-Partizipation empfiehlt sich die in Abbildung 3 dargestellte Ausweitung der Online-„Partizipationspyramide 2.0“, die auch neuere Formen von Online-Partizipation, Social Media und neue technische Entwicklungen berücksichtigt.

Partizipationspyramide 2.0

Abbildung 3: Partizipationspyramide 2.0

1)      Passiver Konsum

Darunter fehlt jede Art von passiv rezipierten Inhalten über unterschiedliche Sinne, also etwa zuschauen, lesen, hören inkl. künftiger wie Virtual Reality oder Augmented Reality, selbst wenn diese mit einer ertasteten 3D-Erfahrung einhergeht. Letztere Option könnte etwa der virtuellen Betrachtung von Projekten wie Gebäuden, Denkmälern oder räumlichen Umgestaltungen dienen.

2)      Clicktivism

Darunter fehlt jede Art von per einfachem Klick erreichbarer Beteiligung, also etwa Likes, direkte Shares ohne Kommentar oder begleitende Einleitung, Anmelden zu Veranstaltungen, ohne diese tatsächlich zu besuchen (oder Anmeldung eines Interesses an einer Facebook-Veranstaltung), Online-Umfragen, Online-Bewertungsverfahren. Hier empfiehlt sich allerdings eine weitere Untergliederung:

a.       Einfacher Clicktivism

Das ist jede Form von mit einem Klick erreichbare Form der Beteiligung. Das setzt also voraus, dass kein zusätzlicher Registrierungsaufwand notwendig ist (eine Registrierung auf Facebook etwa kann allgemein vorausgesetzt werden).

b.       Erweiterter Clicktivism

Hier muss der User zusätzliche Schritte setzen, um seinen „1-Click-Aktivismus“ umzusetzen. Das könnte etwa ein zusätzlicher Registrierungsprozess, ein Captcha-Verfahren oder andere Formen des erschwerten Zugangs sein. Diese Unterscheidung erscheint sinnvoll, da sie eine zusätzliche Hürde berücksichtigt und daher das Faulenzen des „Slackers“ weit weniger unterstützt.

3)      Sharen

Beim „Sharen“ sind zwei Formen des Teilens zu unterscheiden. Das bloße unkommentierte Weiterleiten eines Inhalts an Freunde oder Follower mit einem Klick und das Wiedergeben eines Inhalts als Anhang an ein eigenes Kommentar. Beim bloßen Weiterleiten (Facebook-Share, Retweet etc.) handelt es sich zwar um reinen Clicktivism (auch auf Facebook reicht ein einziger Klick, um einen Inhalt auf der eigenen Pinnwand zu teilen), es kann allerdings keine völlige Wirkungslosigkeit wie beim Slacktivism angenommen werden, da der Inhalt Freunden und Followern auf ihrer Startseite (Facebook-Nachrichtenfeed, Twitterfeed, etc.) direkt mitgeteilt wird.

Die zweite Form setzt voraus, dass der – in welcher Form auch immer – geteilte Inhalt mit eigenem Kommentar, Inhalt, Wertung etc. angereichert wird. Das ist also etwa ein mit einleitendem Kommentar versehener Facebook-Share, ein zitierter Tweet, ein mit zusätzlichem Kommentar als Mashup in ein eigenes Blog oder auf TumblR eingebauter Inhalt sein. Der Schwerpunkt der Nachricht verlagert sich dabei auf das Kommentar des Users, weg vom eigenen Inhalt. Auch diese Unterscheidung ist wichtig, da Inhalte durch die persönliche Bewertung, Erklärung oder Ergänzung eines Facebook-Freunds oder eines gefolgten Twitterers oft an Glaubwürdigkeit, Interesse oder persönlichem Bezug gewinnt und damit dem geteilten Inhalt zusätzlichen Wert verleiht.

4)      Aktiver politischer Konsum

Im Unterschied zu Kerstings einfachem politischen Konsum wird hier der schlichte Konsum um einen aktiven Part bereichert. Es geht nicht darum, selbst originäre Inhalte zu gestalten, sondern bereits vorhandene Inhalte zu kommentieren oder in einen Diskurs einzutreten. Im Unterschied zum erweiterten Sharen steht hier nicht die Präsentation eines fremden Inhalts im Vordergrund, sondern dessen Kommentierung im Vordergrund. Die Gewichtung zwischen Inhalt und eigenem Kommentar kehrt sich um.

Zu dieser Form gehören etwa Kommentare auf Facebook, auf Seiten, in Gruppen, in Blogs, auf Instagram oder in Zeitungsforen sowie „Replies“ auf Twitter.

5)      Interaktion mit Politik und Medien

Dieser Punkt geht über das schlichte meist folgenlose politische Kommentieren hinaus. Es ist der Versuch, in irgendeiner Form Einfluss auf die Politik, deren Repräsentanten oder ein bestimmtes Thema zu nehmen. Diesen Punkt subsumiert Milbarth unter der Kontaktaufnahme mit einem Funktionär oder Mandatar (siehe Abbildung 1).

Unter Interaktion wird dabei jeder direkte Austausch mit der Politik zusammengefasst. Das kann also ein Kontaktieren eines Politikers über Facebook-Message, email, WhatsApp etc. sein, oder auch ein Online-Leserbrief an einen bestimmten Redakteur eines Massenmediums (aber auch jede andere Art der Kontaktaufnahme), dessen Berichterstattung beeinflusst werden soll.

6)      Aktives politische Bekenntnis

Hier findet sich etwa auch der Bereich „Spenden“, sofern die Spende selbst für die Öffentlichkeit ersichtlich ist. Im Unterschied zu Kersting umfasst in dieser Gliederung die Form des „Spendens“ nicht nur online getätigte finanzielle Zahlungen, sondern jeden Beitrag durch eigenes, knappes Gut. Das kann also auch eine „Zeitspende“ für eine umfangreichere Online-Aktion sein.

Aktives politisches Bekenntnis umfasst gerade online-spezifische Aktionen. Dazu gehört etwa das Versehen des eigenen Profilbilds mit einem „PicBadge“ oder das Anpassen von Profilbild  und / oder anderer Design-Elemente des Online-Auftritts. So eine Adaptierung kann etwa der Bewerbung einer / dem Bekenntnis zu einer Partei oder einem Kandidaten dienen, aber auch dem Ausdruck von Mitgefühl oder Solidarität („Je suis Charlie“). Auch hier geht es um einen Beitrag durch eigenes, knappes Gut. So kann etwa ein Profilbild sinnvollerweise nur mit einem Badge versehen werden, ein Profilbild kann nur ein einziges Aussehen gleichzeitig annehmen. Durch eine derartige Umgestaltung nimmt sich der User also ganz bewusst die Möglichkeit, andere Botschaften zu transportieren, stellt er seinen gesamten Online-Auftritt einem bestimmten Zweck zur Verfügung.

Neben aktivem Werben für eine Sache, eine Partei oder eine Person kann auch das Übernehmen bestimmter „Wordings“, also etwa von Parteien vorgegebener Formulierungen, oder das Verwenden eines spezifischen Hashtags (etwa #vote4khol im österreichischen Bundespräsidentschaftswahlkampf 2016) Ausdruck des politischen Bekenntnisses sein.

7)      Aktive politische Gestaltung

Im Unterschied zum „aktiven politischen Konsum“ steht hier ganz klar die Teilhabe an der Politik durch Mitgestaltung im Vordergrund. Dazu gehört etwa das Gründen von Seiten oder Gruppen auf Facebook oder das Initiieren einer e-Petition oder das Initiieren von Veranstaltung unter Zuhilfenahme online-basierter Instrumente. Hier kommt es auch zu einem ersten Überschreiten zwischen Online- und Offline-Aktivität. Das gilt etwa dann, wenn ein User sich zu einer (Offline-)Veranstaltung via Facebook anmeldet und dann auch tatsächlich daran teilnimmt.

8)      Creative Produsage

Ganz bewusst nicht wie bei Kersting an der Spitze steht die „creative produsage“. In diesen Bereich fällt das Schaffen umfangreicherer originärer Inhalte, Formen und Ausdrucksweisen. Der Übergang zwischen aktiver politischer Gestaltung und „creative produsage“ ist dabei relativ fließend.
Der Schwerpunkt der „creative produsage“ fällt dabei auf das Schaffen eines eigenen Werks, den kreativen Akt. Das kann eine Karikatur, eine ecard, ein Meme, ein Blogbeitrag, eine Facebook-Seite, ein Blog, eine Homepage, ein Video, ein Instagram-Foto oder etwa auch eine Snapchat-Geschichte sein.

9)      Amt / Funktion / Mandat

Ganz bewusst wird hier nicht die „creative produsage“ an die Spitze gesetzt, sondern Milbarths „gladiator activities“, die in Kerstings Partizipationspyramide keine Entsprechung finden.

Hier geht es um dementsprechend um irgendeine Form der Kandidatur für ein / des Ausübens eines Amtes, einer Funktion, eines Mandats, einer Rolle. Darunter können die Online-Aktivitäten eines gewählten Mandatars fallen, aber auch stark onlinespezifische Formen.

So sind die stark online-gestützten Wahlverfahren bei der Piratenpartei unter diesen Punkt zu subsumieren. Aber auch jede klassische Offline-Politik-Struktur hat online in irgendeiner Form eine Entsprechung.

So kann unter bestimmten Umständen dem Obmann einer politischen Organisation der Inhaber / Administrator einer Facebook-Seite gegenübergestellt werden. Dem Marketing-Verantwortlichen einer Partei kann der für Facebook Ads zuständige Seiten-Administrator gleichgesetzt werden. Dem Organisationsreferenten könnte etwa der Organisator einer Facebook-Veranstaltung gegenübergestellt werden.

Die aus der Offline-Politik bekannten Hierarchien haben selbstverständlich auch im Online-Bereich ihre Entsprechung – eine Entsprechung, die selbstverständlich auch in der Partizipationspyramide ihre Entsprechung finden muss.

Quellen

  • Härtel, A., & Embacher, S. (2011). Internet und digitale Bürgergesellschaft. Neue Chancen für die Beteiligung. Berlin: Centrum für Corporate Citizenship Deutschland.
  • Kersting, N. (2014). Online Beteiligung – Elektronische Partizipation – Qualitätskriterien aus Sicht der Politik. In K. Voss, Internet und Partizipation (Bürgergesellschaft und Demokratie). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.
  • Milbrath, L. W. (Dezember 1965). Political Participation How and why do people get involved in politics. American Political Science Review.
  • Milbrath, L. W., & Goel, M. (1977). Political Participation How and why do people get involved in politics“. Chicago: Rand McNally.
  • Mozorov, E. (2009. 19 2009). Foreign Policy: Brave New World Of Slacktivism. Abgerufen am 04. 04 1015 von npr: http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=104302141
  • Ruedin, D. (Dezember 2007). Testing Milbrath´s 1965 Framework of Political Participation: Institutions and Social Capital. Contemporary Issues and Ideas in Social Sciences.

 

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