Erika aus Graz und die doch nicht ganz so große Welt von Starbucks

Kern zu Erika aus Graz: Screenshot aus dem YouTube-Video der Rede, Kern vor Publikum

Geschichten aus dem Leben des kleinen Mannes oder der kleinen Frau zu erzählen, um Volksnähe zu beweisen, ist eine tolle Idee, sie sollten aber einer genaueren Überprüfung standhalten. Wie bei Erika aus Graz.

Am Dienstag hat SPÖ-Chef Christian Kern seine viel beachtete Rede zum „Plan A“ in Wels gehalten. Von der Bewerbung her kann sich kaum eine andere politische Rede der letzten Jahre damit messen. Von der Länge her übrigens auch nicht. Und die Begleitung der Vorstellung des „Plan A“ durch eine wirklich umfassende und professionell gemachte Broschüre (sieht man mal von der „Beschäftigungsmaschine“ ab, die eher aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte) zeugte von perfekter Planung.

Auf die Inhalte möchte ich jetzt nicht eingehen. Viel interessanter war der Aufbau der Rede, der Versuch etwa, jeden Schritt mit Forderungen des kleinen Manns, der kleinen Frau zu begründen. Höhere Steuern für Unternehmen?

„Und ich habe vor kurzem in Graz in einem Kaffeehaus mit einer Kaffeehaus-Besitzerin geplaudert, die sich bei mir ordentlich beschwert hat. Die Erika hat sich furchtbar drüber beschwert, weil die gesagt hat: Drei Häuserblöcke weiter ist eine Starbucks-Filiale. Und jetzt erklären Sie mir bitte, warum ich brav meine Steuern zahlen soll, und weiß, dass die dort nebenan mich konkurrenzieren und ihre Steuern nicht abliefern!“
SPÖ-Chef Christian Kern in seiner Welser Rede

 

Erika aus Graz als „kleine Frau“, die das System der Steuerungerechtigkeit mit ihrem persönlichen Erleben in Graz untermalt.

Prinzipiell ein gutes Beispiel, müsste man neidlos anerkennen. Allerdings gibt es hier durchaus Potenzial nach oben:

„Wenn man Geschichten von konkreten Personen erzählt, wäre es gut, diese Menschen ins Publikum zu setzen und zu ihnen zu gehen.“
Yussi Pick, Kampagnenberater, im Kurier

Ja, so hätte man sie erzeugen können: Die Emotionalität, die der Rede selbst in weiten Teilen gefehlt hat.

Im „Fall Erika“ wäre das wohl schwer gewesen: Denn das Grazer Beispiel mit der steuerbefreiten Starbucks-Filiale hat einen kleinen Haken: In ganz Graz gibt es keine einzige Filiale der US-amerikanischen Kaffehaus-Kette.

Nun werden Kenner der Grazer Starbucks-Szene anmerken, es gäbe freilich eine Filiale, und zwar am Grazer Hauptbahnhof. Doch das ist so freilich nicht ganz richtig. Denn am Grazer Hauptbahnhof gibt es in einem Zeitschriftengeschäft einen Starbucks-Automaten.

Vielleicht wollte Christian Kern freilich auch nur die Einführung einer Automatensteuer aufs Tapet bringen. Oder er wollte die fehlenden Sozialabgaben des Starbucks-Automaten als unfairen Wettbewerb brandmarken. Wir werden es kaum erfahren. Außer wir fragen Erika…

 

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