Inauguration: Die Perversion des Iconic Turn


Politik funktioniert heute über Bilder, wie ich etwa zum Thema meiner Bakk-Arbeit gemacht hatte. Freilich lassen sich Fakenews auch via Bild verbreiten, Nachrichten, Emotionen und Wahrnehmungen auf diese Weise fälschen, wie etwa die Diskussion um die Menschenmenge bei der Inauguration von Donald Trump gezeigt hat.

Vergleich des Publikums bei der Inauguration von Donald Trump und Barack Obama: beide Male Blick vom Obelisken zum Kapitol, links, bei Trump, aus leicht anderer Perspektive deutlich weniger Teilnehmer

Dieses Bild oben ist quer durch alle Social Media Kanäle gegeistert: Links die Angelobung von Donald Trump, rechts jene von Obama mit deutlich mehr Zuschauern. Der Beweis scheint geglückt: Kaum jemand wollte zur Inauguration von Donald Trump.

Inauguration: Anderer Zeitpunkt für Foto

Freilich wird hier – ob bewusst oder unbewusst – ziemlich manipulativ gearbeitet. So wurde das Bild von Trumps Angelobung gut eine halbe Stunde vor dem Bild von der von Obama gemacht, also bevor die – vermeintlichen – Massen geströmt sind.

Der zweite Punkt betrifft den Ausschnitt, den der Bildervergleich zeigt.

Inauguration: Eine Frage der Perspektive

Hier wurde ein weiterer Trick angewendet, um den Unterschied mehr als deutlich zu überzeichnen. Denn das Bild rechts (Obama Inauguration) zeigt einen wesentlich kleineren Ausschnitt als das Bild links (Trump Inauguration). Wählt man den Ausschnitt gleich, so ergibt sich folgendes Bild:

Bildvergleich Trump - Obama - Inauguration mit korrigiertem Ausschnitt

Der rote Strich markiert den gleichen Weg bei beiden Inaugurationen, der gelbe Strich zeigt die Position am ursprünglichen Vergleichsbild. Beim linken Bild wird also ein weiteres – fast völlig freies – Feld gezeigt. Das Bild ist verkleinert – damit erscheint auch die vorhandene Menschenmenge wesentlich kleiner.

Unnötige Überzeichnung

Freilich erscheint diese doppelte Überzeichnung ziemlich unnötig. Denn schon eine der beiden Manipulationen hätte für das gewünschte Ergebnis gereicht. Abgesehen einmal davon, dass vermutlich wirklich weitaus weniger Menschen bei Trump als bei Obama waren – egal, welche Zahlen Sean Spicer verbreitet oder wieder zurücknimmt.

Methode hat System

Freilich hat diese Methode System – wie ich bereits auf den Tag genau vor einem halben Jahrzehntgezeigt habe. Damals war es darum gegangen, um wie viel mehr Menschen in PKW an Platz verbrauchen als jene zu Fuß, auf Fahrrädern oder per Bus. Damals war bei genauerem Hinsehen erkennbar, dass der eigentlich große Bus nur so viel Platz verbrauchte wie zweieinhalb Autos – auch das nur eine Frage des vergrößerten Ausschnitts.

Medien gefragt

Freilich ist zu erwarten, dass politische Parteien und Aktivisten auch weiterhin auf Bildmanipulationen zurückgreifen werden. Denn Bilder bringen Klarheit auf einen Blick, nachhaltigen Transport der Botschaft und Emotion. Es länge also an den Medien als „Watchdogs“, derartige Manipulationen aufzudecken und aufzuzeigen – und nicht noch deren Verbreitung durch unkritische und unkommentierte Wiedergabe zu potenzieren.

Denn es ist heute zu Recht eine Krise der Medien festzustellen. Doch es wird keinesfalls reichen, einfach die entsprechenden Förderungen zu erhöhen. Journalismus muss tagtäglich seine Existenzberechtigung durch kritische Recherche, Objektivität in der Berichterstattung (nicht in den Meinungen und Kommentaren) und Aufdeckungsarbeit in alle Richtungen unter Beweis stellen. Denn dann – und nur dann – brauchen wir guten Journalismus und müssen ihn pflegen und fördern. Copy-Paste-Journalismus hilft niemandem.

 

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