Der Juli 1991 beginnt. Die Kämpfe in Slowenien werden immer heftiger. Über Laibach wird ein jugoslawischer Hubschrauber abgeschossen, ein heftiger Kampf um die Grenzposten bringt Tote auf beiden Seiten. Geschosse schlagen in Österreich ein.

Es sind oft kleine Zwischenfälle, die den Weg in die österreichischen Medien finden und schnell als vergleichsweise harmlos gelten. Eine Gruppe jugoslawischer Soldaten verirrt sich voll bewaffnet auf österreichisches Staatsgebiet – wird aber rasch von österreichischen Truppen festgenommen. Widerstandslos. Denn bei diesem Übergriff hatte es sich wohl wirklich um ein Versehen gehandelt.

Weitaus weniger harmlos stellt sich die Gesamtlage dar, die ich freilich nicht in allen Einzelheiten schildern darf. Fakt ist: Österreich ist in diesen Tagen keineswegs so sicher, wie viele glauben. Die Gefahr für unsere Heimat ist enorm. Wir wissen: Auch wenn uns die NATO gegen Jugoslawien beistehen würde, müssten wir in den ersten Tagen selbst Widerstand leisten können.

Dieses Szenario kannten wir auch den ersten Tagen unserer Grundausbildung noch von diversen theoretisierenden Offizieren aus stickigen Lehrsälen. Wer nicht übermüdet eingeschlafen war und die Tests dann bestanden hatte, wusste noch: Immerwährende bewaffnete Neutralität. Das heißt nicht, dass wir uns selbst gegen den – in Auflösung befindlichen – Warschauer Pakt in der berühmten „Schlacht am Marchfeld“ allein verteidigen können. Das heißt nur, dass wir bereit sein müssen, die Neutralität zu verteidigen. Dass wir unseren Selbstverteidigungswillen auch militärisch, auch im Kampf, unter Beweis stellen müssen. Denn dann – und nur dann – müssten und würden andere Staaten uns bei der Verteidigung unseres Staatsgebiets helfen. So haben wir es damals gelernt – ohne groß alles juristisch zu hinterfragen. Und freilich ein halbes Jahrzehnt vor dem EG-Beitritt und der NATO „Partnerschaft für den Frieden“. Aber es war uns in Fleisch und Blut übergegangen. Und wir hätten nie gedacht, wie schnell aus der Theorie Praxis werden könnte.

Ein innerster Kreis weiß also in diesen Juli-Tagen Bescheid, wie nahe dieser Verteidigungsfall sein könnte. Wie schnell jede Reaktion oder Aktion der militärischen oder politischen Führung in Österreich einen jugoslawischen Angriff auslösen könnte. Und wie wenig das öffentlich diskutiert werden kann. Sicherheitspolitik ist kein Populismuswettkampf. Und doch geht es um viel.

Heiß diskutiert wird die Frage, ob mobilgemacht werden soll. Das erste Mal in der Geschichte der 2. Republik. Gerechtfertigt wäre es. Einfach wäre es nicht. Die Reaktion der Jugoslawen – nicht absehbar. Ein Spiel mit dem Feuer, egal, wie sich die Politik entscheidet.

So schickt man alles an die Grenze, was machbar und sinnvoll ist. Grundwehrdiener, auch noch wenig ausgebildete. Die Politik lässt sich dafür prügeln. Doch in dieser ersten Phase geht es nicht darum, mit Jagdkommando und verdeckten Operationen Widerstand zu leisten. (Und die zweite Phase ist Gottseidank nie eingetreten.) Es geht darum, Präsenz zu zeigen. Abwehrbereitschaft zu zeigen. Zu beweisen: Mit uns könnt ihr das nicht machen. Bei uns könnt ihr nicht ohne Widerstand einmarschieren.

Das Bundesheer an der Grenze (c) Bundesheer
Das Bundesheer an der Grenze (c) Bundesheer

Und wer sollte das glaubwürdiger unter Beweis stellen, als unsere Grundwehrdiener? Nein, das sind keine „Profis“, wie das 20 Jahre später so oft verlangt werden wird. Das sind weder Jagdkämpfer noch Rambos, die mit einem Schuss eine Mi29 vom Himmel holen. Sie sind nicht kampferfahren. Sie haben die Waffen oft noch nicht im scharfen Schuss eingesetzt. Werden oft noch schnell vor Ort eingeschult. Aber sie sind motiviert. Sie stehen dort, weil sie ihre Heimat verteidigen, ihre Familien, Freunde schützen. Sie wissen, dass sie die Einzigen sind, die in dieser Phase zwischen Ihrem Zuhause und dem drohenden Einmarsch der Jugoslawen stehen. Und das motiviert mehr, als es jede Prämie machen könnte, als jeder Schilling aufwiegen könnte. Kämpfen für Geld ist nicht das selbe, wie für die eigenen Liebsten einzustehen. Das wird nicht jeder verstehen. Das wird kaum jemand nachfühlen können, der nicht selbst in der Situation war. Aber es bleibt für all jene ein Faktum, die wissen, wovon sie sprechen.

Das Bundesheer an der Grenze (c) Bundesheer
Das Bundesheer an der Grenze (c) Bundesheer

Draken donnern im Tiefflug die Grenze entlang. Panzer fahren in Grenzorten vor. Ortstafeln werden umgesägt, um Panzern den Schwenkbereich einzumachen. Nie vergessen werde ich die Geschichte des Panzerfahrers, der im Gemüsegarten eines Grenzhauses einfährt, das Rohr in Richtung der Kämpfe an der Grenzstation richtet. Niemand schimpft über die niedergewalzten Salatköpfe und Tomatenstauden. Es gibt Applaus und Unterstützung für das so gerne getretene Heer. Und sogar der Anti-Draken-Kämpfer und steirische Landeshauptmann Krainer bejubelt den Einsatz der Kampfflieger. Wer hätte drei Jahre zuvor gedacht, dass die steirischen Anti-Draken-Widerstandskämpfer sich eines Tages so über die in Graz-Thalerhof stationierten Flugzeuge freuen und den nächsten Tiefflug nicht erwarten können?

Das ist auch heute unser Problem. Das Bundesheer wird nur dann geschätzt, wenn es wirklich dringend gebraucht wird. Wenn der Krieg grad nicht an die Türe klopft, wenn nicht das halbe Land unter Wasser steht, glaubt man schnell, darauf verzichten zu können, glaubt man schnell, es geht ohne Wehrpflicht, können ein paar Vollprofis ein paar Tausend Grundwehrdiener ersetzen. Wenn aber dann der Ernstfall eintritt, wird man merken, dass das alte System nicht wieder auf Knopfdruck einzuführen ist. Dann wird es schlicht und einfach zu spät sein.

 

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