Als ich 1997 aus dem Bundesheer nach meiner „beruflichen Weiterbildung“ als Zeitsoldat ausgeschieden bin (ja, die gab´s damals schon, ist keine Darabos-Erfindung) konnte ich auf eine überaus spannende, fordernde aber auch erfolgreiche Zeit zurückblicken, eine Zeit, die mir bewiesen hat, wie viel das Leben fordern kann – aber wie viel es auch bereit ist, zu geben. Doch all das läuft nicht ohne eigenes Zutun. Die viel erträumte Vollkasko-Gesellschaft, in dem jeder ohne Risiko das Maximum herausholen kann, ist nicht mehr als ein Traumschloss. Und das ist gut so.

Bald nach der EF-Ausbildung werde ich selbst als Ausbildner eingesetzt. Nein, nicht im militärischen Bereich. Da wäre ich als „Un-Soldat“ ja auch etwas schlecht aufgehoben. Aber im fachlichen Bereich, bei der tschechischen Fachsprache, die ich mit entsprechenden Ausbildungen an der Uni in Graz noch verbessert habe, darf ich schon bald selbst junge EF unterrichten. Es ist eine Herausforderung, handelt es sich im späteren Verlauf doch um junge Männer, die selbst tschechische Wurzeln hatten, aber zu diesem Zeitpunkt in Grammatik und Schrift nicht wirklich sattelfest sind. Militärische Fachausdrücke und Landeskunde sind für sie Neuland – doch im Alltagssprachlichen sind sie mir teilweise überlegen, auch wenn der Slang nicht unbedingt druckreif ist. Und so lernen wir beide von einander – unsere Schüler den militärischen Fachteil und wir den lockeren sprachlichen Umgang. Mit einem meiner Schüler habe ich heute noch Kontakt, er hat sich zu einem unglaublich guten Freund entwickelt, gemeinsam haben wir manche Krise überstanden. Der zweite Tschechisch-Ausbildner, mit dem ich die Kurse leiten darf, ist trotz aller gespielten Zwistigkeiten ein guter Freund geworden, dessen Trauzeuge ich sogar später im Osten der Slowakei, in Kaschau, werden durfte.

Skyvan (c) Bundesheer
Skyvan (c) Bundesheer

Nach der ersten beruflichen Weiterbildung trete ich meinen Dienst an der Landesverteidigungsakademie an: Tschechisch- und Deutsch-Lehroffizier, Dolmetscher und Übersetzer. Es ist eine abwechslungsreiche Zeit, wenn auch weit weniger fordernd, als die ganze EF-Ausbildung. Neben Fortbildungsmaßnahmen für unsere Kameraden der Nachrichtenoffiziersausbildung werden Dokumente übersetzt, Besuche dolmetschend begleitet. Immer wieder sind die Flüge ein besonderes Erlebnis, so mit der oben dargestellten „Skyvan“, dem „VW-Bus der Lüfte“. Ein Ungetüm, das dem Heeresgeschichtlichen Museum wohl nur um Haaresbreite entkommen ist. Der Start aus Langenlebarn kein Problem. Die Landung bei Föhn in Innsbruck ein absolutes Abenteuer. Die Piloten sind echte Könner – nie hätte ich bei dem Gewackel gedacht, lebend da runter zu kommen. Die Rückfahrt erfolgt dann freilich per Bus. Zu heftig ist der Föhn im Inntal geworden.

Nie werde ich auch meinen ersten Hubschrauberflug vergessen. Begleitung des tschechischen Generalstabschefs. Start im Gelände. Erst hebt sich der hintere Teil des Hubschraubers, dann der vordere. Trifft mich völlig unvorbereitet. Der altehrwürdige General neben mir fragt angesichts meiner sichtlich weißen Gesichtsfarbe: „Na, Kamerad, der erste Hubschrauberflug?“

Erinnerung an den Deutschkurs an der LVAk

Ein besonders Erlebnis auch die Ausbildung von Generalstabsoffizieren aus dem ehemaligen Osteuropa. Der Zusammenbruch des Kommunismus war ja gerade einmal fünf Jahre her. Nicht eben eine Ewigkeit. Doch echte Differenzen sind nicht zu merken. Viel mehr schwelgt man bei manchem Bier im Offizierskasino in Erinnerungen an die selbst nicht erlebte „gute alte Zeit“ der Doppelmonarchie. Viel trennt uns nicht, es gibt gemeinsame Traditionen, gemeinsame Geschichte, gemeinsame Gewohnheiten. Der „Eiserne Vorhang“, der erst vor einem halben Jahrzehnt gefallen ist, war in den Köpfen der Menschen nicht wirklich so verankert wie in den Hirnen der Politiker.

Auch der vermeintliche Hass auf den „Völkerkerker“ der Habsburger wirkt nach einem halben Jahrhundert kommunistischer Diktatur schon völlig anders. Als wir den slowakischen Generaltabschef durch das Heeresgeschichtliche Museum begleiten und zum Beginn des 1. Weltkriegs, zum Auto des ermordeten Thronfolgers kommen, meint er fast schon melancholisch, was für ein Fehler es gewesen sei, dass der gemeinsame Staat damals zerbrochen ist.

Meine Reise endet freilich nicht an dieser Stelle. 1995/96 werde ich als erster österreichischer Offizier im Rahmen der NATO Partnerschaft für den Frieden (PfP) für ein Jahr als Deutsch-Lektor an die (gemischt militär-zivile) Hochschule Vyškov entsendet. Ein aufregendes Jahr. Schließlich war noch nie zuvor einem Österreicher bei diesem Programm diese Ehre zuteil geworden. Ein bisschen Aufregung merke ich auch in Österreich. Viele Formalitäten. Viel hin und her. Diverse Sicherheitsüberprüfungen. Diverse Belehrungen durch diverse Dienste. Das dürfte freilich auf Gegenseitigkeit beruht haben. Schließlich hat mich jenseits der Grenze dann auch in den ersten Wochen immer ein unauffälliger Herr in Zivil begleitet. Nicht offiziell natürlich. Aber er war immer da. Naja, zumindest ist mein Auto nicht gestohlen worden – im Unterschied zu jenem der Quartiermeisterin auf dem Parkplatz vor meiner Unterkunft.

An der Hochschule Vyškov
An der Hochschule Vyškov

Auch so habe ich die Zeit genutzt und zwei Auslandssemester an der Uni Brünn absolviert. Ständig pendeln zwischen Wien, Vyškov und Brünn. Das war eine ziemlich hektische Zeit. Aber sie hat mir viele Erfahrungen gebracht – und meinen Horizont erweitert. Noch heute blicke ich mit Wehmut etwa an die vorgelagerten Kurse in der Tschechischen Republik zurück. Etwa an der Karls-Universität Prag, an der einst mein Großvater – wenn auch auf Deutsch – unterrichtet hatte. Die Familie war dann als Sudetendeutsche vertrieben worden. Umso interessanter dann die „Rückkehr“: An der Karlsuniversität Prag konnten zwei nur indirekt belastete Generationen das Thema diskutieren. Mit einem Artikel in der Uni-Zeitung habe ich das Thema angestoßen – und die nächsten Woche waren von spannenden Diskussionen geprägt. Der Hass, den viele aus ihrem Elternhaus mitbekommen hatten, auf die deutschen Nationalsozialisten, die auch in der Tschechei bestialisch gewütet hatten, und auf die Tschechen, die den Sudetendeutschen Heimat und oft auch das Leben genommen hatten, begann aus den Köpfen zu weichen.

Und als in dann meinen Abschied aus Vyškov genommen habe, waren die Tschechen nicht mehr das Volk, das meine Familie ihrer Heimat und ihrer Besitztümer beraubt hatten, sondern Freunde, mit denen wir in eine gemeinsame Zukunft gehen.

Erinnerung an Vyškov

Auch dorthin hat mich das Bundesheer gebracht: Über die noch ein Jahr vor meinem Dienstantritt undurchdringbare Grenze – auch in den Herzen und Köpfen der Menschen. Ich bin durch eine harte Schule gegangen. Aber ich habe es nicht bereut. Und vieles, was ich später im Leben erreicht habe, habe ich dieser Zeit zu verdanken: Das Wissen, dass man, selbst wenn man am Ende zu sein glaubt, noch einmal durchstarten kann. Die Gewissheit, dass nach dem größten Absturz ein noch viel größerer Aufstieg folgen kann. Und die Fähigkeit, nicht nachzulassen, es nach einem verpatzten ersten Mal noch ein zweites Mal zu versuchen. Auch im weiteren Leben, privat und in der Bundespartei, habe ich diese „Ups and Downs“ erlebt. Aber Aufgeben nach dem ersten Fehlschlag ist nie wieder zur Debatte gestanden. Und das wird es auch in Zukunft nicht.

 

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