Ich öffne die Wohnungstür. Meine Mutter springt auf und läuft mir entgegen. Freude strahlt aus ihrem Gesicht. Doch bevor sie mich erreicht, wache ich auf. Der Traum ist vorbei. Die Realität hat mich wieder. Nein, meine Mutter kann nicht gehen, vielleicht nie wieder so richtig. Und die Freude in ihrem Gesicht weicht nur allzu oft einer unendlichen Müdigkeit.

Meine Mutter hat Krebs – Hirntumor, Glioblastom Grad IV. Es ist eine unfassbare Diagnose. Ein Schlag, der uns alle unvorbereitet getroffen hat, wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel, schwer zu realisieren, unmöglich, zu akzeptieren. Und dennoch sind sie da: Diese paar Kubikzentimeter, die über Leben und Tod entscheiden, ein Eigenleben haben, das nicht einmal die besten Ärzte der Welt beherrschen.

Ich habe in den letzten Monaten auch von Euch, liebe Blogleser, Follower, Arbeitskollegen, Chefs, Verwandte und Freunde viel Empathie und Mitgefühl bekommen, das mich, das uns in diesen schweren Stunden viel geholfen hat. Meinen Dank dafür kann ich kaum in Worte fassen – nicht zuletzt auch für all Eure Hilfe bei der Suche nach einer Pflegerin für meine Mutter.

Geholfen hat mir aber auch, im Internet zu googeln, Postings und Blogs zu finden, zu lesen, wie andere Menschen mit der Diagnose Krebs bei nahen Angehörigen umgehen, zu erfahren, dass es bei all dieser schrecklichen Zeit für die Angehörigen ein Leben danach gibt, wie viel Kraft man aufbringen kann und wie man den Angehörigen helfen kann und muss. Es ist ein klares Zeichen: Wir sind nicht allein mit diesem Schicksal, es gibt viele, die das meistern mussten und das auch gemeistert haben.

Und so möchte ich auch mit meinem Blog Betroffenen zeigen, wie ich mit der Situation umgehe, welche Entwicklungen es gibt, wie man einem geliebten kranken Angehörigen auch in der schwersten Zeit noch Kraft geben kann – und wie sich jede einzelne Minute davon lohnt. Erst in Situationen wie dieser lernt man das Leben wirklich zu schätzen, die Kostbarkeit gemeinsamen Beisammenseins, die Liebe, die man einander auch dann noch geben kann, wenn einem die Worte fehlen.

Denn Leben ist mehr als Politik, Hader, Zank und Diskussion, mehr als Hypo, Steuerschraube und Gesamtschule. Leben ist zu kostbar, um es im Rausch der Tagespolitik aus den Augen zu verlieren.

So schlimm die Zeit auch ist, möchte ich das für die Zukunft mitnehmen – und Anderen helfen, den Blick auf das Wesentliche zurück zu bekommen. Und so hoffe ich auch, dem Leiden meiner Mutter einen Sinn zu geben, den sie selbst so gerne sehen würde.

20 Kommentare zu „Sinn

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