Es ist eine Zeit, in der man sein Limit überschreitet, das „Tilt“ förmlich schon vor Augen hat – und trotzdem weiter macht. Man funktioniert. Ferngesteuert. Fremdbestimmmt. Heute war wieder so ein Tag.

Österreich- und Europa-Rede in den Sofiensälen. Die Spannung steigt, die Leitung am Limit. Jetzt muss alles klappen. Doch während das Eröffnungsvideo läuft, der Anruf am Handy: Meiner Mutter, die ich erst am Vortag als Krankentransport-Begleitung von der Reha aus Bad Tatzmannsdorf abgeholt habe, geht es schlecht. Mein Bruder in Salzburg. Meine Schwester nicht verfügbar. Die Pflegerin überfordert. Was tun? Rettung holen und riskieren, dass sie ins Krankenhaus gebracht wird, wo sie auf keinen Fall hin will? Oder nichts tun und das ewig bereuen? Während der Einzug beginnt, wähle ich 144. Beschreibe die Symptome. Urgiere ein Einschreiten. Und beginne in der Minute darauf wie ferngesteuert die Live-Tweets zu machen. Dann tritt der Generalsekretär aufs Podium. Mein Handy vibriert. Der Notarzt ist dran. Muss die gesundheitliche Situation meiner Mutter besprechen. Das duldet keinen Aufschub. Als wir fertig sind, läuft gottseidank noch die Begrüßungsliste. Und weiter geht´s. Fast 2 Stunden Live-Twittern, dann ins Büro, zu meiner Mutter, zum Arzt, wieder zu meiner Mutter. Gute Miene zum verzweifelten Spiel machen.

In dieser Situation lernt man Hilfe zu schätzen, die man vorher nie angenommen hätte. Als mir die Betreuerin vom Fonds „Soziales Wien“ im November den Prospekt mit der mobilen Hospiz in die Hand gedrückt hat, habe ich ihn schnell weggesteckt. Meine Mutter sollte sich nicht mit der Möglichkeit des nahen Tods auseinander setzen. Und ich, tja, ich wollte mich ehrlich gesagt damit nicht beschäftigen. Jetzt bin ich dankbar für die Möglichkeit, dankbar für diese Form der Hilfe, krame den Prospekt hervor und schon wenig später ist eine freundliche Dame bei uns. Hilft uns mit konkreten Problemen. Spendet Trost. Zeigt, dass wir nicht allein sind in dieser Situation. Dass der Wunsch meiner Mutter, zu Hause zu bleiben, zumindest vorerst erfüllt werden kann. Dass ein langsamer Abschied hier möglich wird.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, allen zu danken, die mir virtuell und real durch die schwere Zeit helfen: Meinen Freunden, Verwandten, Mitarbeitern, Kollegen und Chefs. Dass sie mich unterstützen, mir den Rücken freihalten, mich nicht allein lassen, Verständnis zeigen. Und Euch allen: Ich habe viel Trost, Rat (etwa bei der Suche nach einer Pflegerin) und Zuspruch erhalten. Ich kann Euch dafür nicht genug danken. Ich schaffe es emotionell oft nicht, zurück zu schreiben, finde die richtigen Worte nicht. Der Weg vom Gefühl, von der Emotion, bis zur Tastatur erscheint oft unüberwindlich. Aber seid sicher, dass ich jedes Kommentar, jeden Post, Tweet, jedes Mail lesen und unendlich dankbar für so viel positiven Rückhalt bin. Es ist schön, solche Freunde zu haben. Es ist schön, nicht allein zu sein…

12 Kommentare zu „TILT

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