Es ist vorbei: Nach über einem halben Jahr quälender Behandlungen und ständig sinkender Energie ist meine Mutter um 15:30 Uhr gestorben.

Manch einer wird sich auch bei diesem Beitrag fragen, warum ich derart persönliche Momente öffentlich fest halte. Manch einer wird mich nicht verstehen. Aber es macht Sinn – einen ganz persönlichen, der sich nur jenen erschließen wird, die auch den Menschen hinter der Fassade begreifen können und wollen.

Es war die erste „Sherlock“-Folge, die mich auf die Idee gebracht hat, auch derart Persönliches zu bloggen: Der moderne Dr. Watson, gespielt vom wundervollen Martin Freeman, der als Teil seiner Therapie zu bloggen beginnt – oder besser beginnen sollte. Und es hat unheimlich geholfen: All das positive, menschliche und überaus anteilnehmende Feedback, das mir durch die schwierige Zeit geholfen hat. Und die Auseinandersetzung mit schwierigen Situationen durch das Schreiben, das Feilen an jedem Wort, bis es der Emotion entspricht, die wirklich dahinter steht, bis ich auf diese Weise meine eigenen Emotionen erst richtig kennenlerne.

Und dann ist da noch die Kommunikation mit Leidensgenossen: Die vielen Angehörigen von Krebskranken, mit denen ich mich austauschen kann, aus deren Beiträge ich unendlich viel gelernt habe – und sicher war, nicht der erste in dieser Situation zu sein – und sicher nicht allein.

Heute war es also so weit: Mitten in der Morgensitzung erreicht mich der Telefonanruf: Meine Mutter atmet schwerer, reagiert kaum, isst nicht mehr, hat hohen Puls, niedrigen Blutdruck. Ich rufe den Palliativmediziner vom mobilen Hospiz der Caritas. Der kann zwar eine Spritze zur Erleichterung geben, macht mir aber klar, dass es zu Ende geht. Ich hole meine Schwester, aus Hallein meinen Bruder, mein Onkel ist schon da.

Es geht ins Finale. Ein aufreibendes Finale. Über 5 Stunden sitze ich durchgehend bei meiner Mutter, halte ihre Hand, versuche, durch Drücken und Berühren zu kommunizieren. Richte ihr den Kopf, dass er nicht verkrampft, aber trotzdem so hoch, dass zumindest noch etwas Atmen durch die Nase geht. Sie hat nicht mehr die Kraft, sich zu räuspern. Ich halte sie gerade, klopfe den Rücken, wische den Mund frei, halte wieder die Hand.

Und ich nehme Abschied. Ich weiß nicht, was meine Mutter noch mit bekommt. Aber ich spreche trotzdem zu ihr. Sage ihr Danke. Sage ihr, dass sie sich keine Sorgen machen muss. Dass jetzt alles im Griff ist. Dass die Familie gut versorgt ist. Dass ich ihr dankbar bin, dass sie uns durch ihr Durchhalten den allmählichen Abschied ermöglicht – statt plötzlichem Tod, wo so viel ungesagt zurück bleibt. Sage ihr, wie stolz ich auf sie bin, dass sie das alles so tapfer durchsteht. Und dass jetzt alles geregelt ist. Dass sie sich um uns keine Sorgen machen muss. Sie hat alles getan. Sie muss sich nicht quälen. Sie darf jetzt gehen.

Und ich merke eine leichte Entspannung.

Schließlich geht das mühsame Atmen zurück, wird langsamer. Nie werde ich das Geräusch vergessen: Mühsames Einatmen durch die Nase, rasselndes, schnappendes Ausatmen. 5 Stunden lang. Es geht nicht aus meinem Kopf….

Als der Atem langsamer wird, das Gesicht blau anläuft, rufe ich noch einmal den Palliativarzt an. Doch während ich noch telefoniere, werde ich wieder zu ihr gerufen. Der Atem ist immer langsamer. Setzt aus. Etappenweise. Stückweise. Dann schnappt sie zwei Mal nach Luft. Leise und doch klar hörbar. Sinkt zurück. Ein leises Zittern. Wir schauen uns an: War es das wirklich? Ist der Tod wirklich so unspektakulär? Lebt sie noch? Atmet sie dann doch noch? Bange Minuten, doch es ist immer klarer: Keine Atmung, kein Puls. So einfach ist der Tod. So simpel und unspektakulär. Keine großen Worte. Kein Ruf „mehr Licht“. Kein Blick in Richtung Himmel, wo sie von den Lieben erwartet wird die ihr voran gegangen sind. Einfach aus und vorbei.

Als sie schließlich nach 6 Stunden abgeholt wird, ist es nicht anders. Sie liegt im Sarg, als würde sie schlafen. Beine und Arme scheinen sogar wärmer als zuvor. Ist sie wirklich tot? Ist das alles wahr? Es wird Wochen, es wird Monate dauern, bis ich das realisiert habe…

Zum Schluss möchte ich meine Mutter noch ein letztes Mal zu Wort kommen lassen, in einem Dokument, das sie selbst zu ihrem 70. Geburtstag verfasst hat: Ihr Leben in Worten und Bildern. Als sie damals zum Abschluss sagen wollte: „Jetzt habe ich alles geschafft, was ich wollte. Jetzt kann ich mich zufrieden aus dieser Welt verabschieden“, waren wir entsetzt. Heute ist das ein Trost: Die Gewissheit, dass sie ihr Leben als erfüllt betrachtete und die Freude auf ein Wiedersehen in einer besseren Welt. Danke, Mutti, und grüß uns alle unsere Lieben schön, die Du jetzt wieder in die Arme schließen kannst und die wir erst in ein paar Jahrzehnten gemeinsam mit Dir wiedersehen werden!

70
70 Jahre – ein Leben in Impressionen und Bildern

2 Kommentare zu „Abschied

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