Was macht ein Mensch, der in einer schwierigen, persönlichen Situation ist, an einer schweren Krankheit leidet, am Verlust eines lieben Angehörigen? Geht es nach meiner nun verstorbenen Mutter, ist die Antwort klar: So gut wie möglich nichts anmerken lassen. Das Leben weiter leben – und Trauer und Schmerz so gut wie möglich vor der Öffentlichkeit verborgen halten. So hat es mich völlig überrascht, wie sehr meine Mutter unter dem Tod meines Vaters gelitten hat – ein Schmerz, den sie in dieser Heftigkeit auch zu unserem Schutz nie gezeigt hat.

Das ist freilich nicht nur ihre Einstellung, das ist eine Einstellung, die unsere Gesellschaft nur allzu oft prägt, die wir von unseren Eltern und Großeltern, die weit schwerere Zeiten mitgemacht haben, geerbt haben.

Doch diese Einstellung, das stets makellose öffentliche Erscheinungsbild, bekommt immer mehr Risse. Menschen stehen offen und öffentlich zu ihren Problemen – und holen sich auf diese Weise Trost und Rat. So hat es Wolfgang Rössler in der letzten Sonntagspresse geschildert – in einem Artikel, für den er auch mich per Facebook interviewt hat: „Trost im Netz – Die Facebook-Therapie„.

Auch wenn es erst wenige sind, die ihr Seelenleben auf diese Weise offen legen, ist es meiner Meinung nach doch ein wichtiger Schritt, so manches Thema zu enttabuisieren, dessen Verstecken oft tragische Folgen hat.

Daran habe ich mich erst diese Woche beim erschütternden Selbstmord von Robin Williams erinnert gefühlt. Sicher, viele seiner Probleme waren bekannt. Doch seine Parkinson-Erkrankung konnte er nicht öffentlich machen. Und dass ein Mensch lieber aus dem Leben scheidet, als in einer schwierigen Situation die Hilfe Anderer anzunehmen, ist leider viel zu oft der Fall. Doch in viel zu vielen Fällen geschieht das von der Öffentlichkeit unbemerkt. Nicht jeder Selbstmörder ist ein Robin Williams.

Und dennoch glaube ich, dass der tragische Abschied von Robin Williams eine wichtige Diskussion anstoßen kann. Robin Williams, wie wir ihn von der Leinwand kennen, war der immer lustige, fröhliche Schauspieler, der uns so viel lustige Stunden voller Lachen und Freude beschert hat. Doch hinter dem Lachen schlummerte offensichtlich eine Welt aus Trauer und Verzweiflung. Und Robin Williams ist nicht der einzige. Die Selbstmörder sind mitten unter uns: Der Nachbar, der am Morgen noch so fröhlich Scherze macht, kann am Abend bereits tot in der Wohnung hängen. Der Schulfreund, der in Permanenz die ganze Klasse zum Lachen bringt, kann eines Tages aus dem Fenster springen, wie ich selbst erfahren musste.

Warum kommt es so weit? Was können wir tun?

2013 begingen in Österreich 1.291 Menschen Selbstmord. Demgegenüber starben 459 Menschen bei einem Verkehrsunfall (s. Statistik Austria). Fast dreimal so viele Menschen starben in Österreich durch ihre eigene Hand als durch Verkehrsunfälle. Und dennoch werden Unsummen an Ressourcen für die Verkehrssicherheit investiert – doch die Selbstmordprävention führt ein verschämtes Nischendasein.

Das hat freilich auch andere Gründe: Denn während wir jeden Tag seitenweise Berichte über dramatische Verkehrsunfälle vorgesetzt bekommen, wird über Selbstmorde nicht berichtet. Das ist freilich keine Verschwörung der Medien im klassischen Sinn. Viel mehr geht es dabei um eine Übereinkunft aller Medien, Selbstmorde bis auf wenige (prominente) Ausnahmefälle nicht zu thematisieren, um Nachahmungen nicht zu verhindern. Denn es ist, wie der bekannte Medienpsychologe Prof. Vitouch lehrt, erwiesen, dass Selbstmordberichte bei selbstmordgefährdeten Menschen den Schritt zum tatsächlichen Selbstmord auslösen können. Ignoriert wird dabei freilich, dass entsprechende Berichte über misslungene Selbstmordversuche mit daraus resultierenden schweren Verletzungen, Dauerschäden und Schmerzen vom Selbstmord abhalten können.

Generell ist es so, dass das Thema „psychische Gesundheit“ in Österreich nicht die nötige Beachtung erhält. Und durch die fehlenden Medienberichte entsteht auch nicht der nötige mediale Druck, sich des Themas anzunehmen. Psychisch kranke, depressive Menschen existieren in der Öffentlichkeit nicht – oder werden als „arme Hascherln“ abgestempelt. Die nötige Hilfe erhalten sie selten – von der staatlichen Unterstützung durch Zahlung der nötigen Therapien ganz zu schweigen.

Und so sind Facebook-Postings, Tweets oder Blogeinträge oft auch ein Hilferuf bei einem Thema, das von den klassischen Medien meist tot geschwiegen, von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Das „Web 2.0“ bietet hier die Möglichkeit, zumindest einen Versuch zu starten, die mediale, politische und gesellschaftliche Schweigespirale zu durchbrechen. Und vielleicht sollten wir alle hier etwas genauer hinhören, hineinlesen, einfach aufmerksam sein – wenn die vorgespielte Maske der Fröhlichkeit einmal durchbrochen wird. Damit der fröhliche Nachbar vielleicht nicht die Ursache eines U-Bahn-Ausfalls wegen der „Erkrankung eines Fahrgasts“ wird. Damit sich Medien wie die Sonntagspresse verstärkt des schwierigen Themas annehmen. Und damit die Politik, die Gesellschaft, wir alle, wieder ein Stückchen menschlicher werden.

Presse-Artikel zu Facebook 1

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9 Kommentare zu „Der blinde Fleck: Zwischen Facebook-Therapie und Ignoranz

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