Nach 36 Jahren habe ich die Familienwohnung in der Waidhausenstraße räumen müssen: 36 Jahre, 5 Menschen, 8 Zimmer, 128m²: Ein in Zahlen gefasstes Familienleben, länger, als die meisten meiner Freunde alt sind. 1978 sind wir von unseren kleinen Untermietzimmern in die riesige BUWOG-Wohnung eingezogen, mit dem „unverbaubaren“ Ausblick auf den Baumgartner Friedhof. Jetzt, 36 Jahre später, liegen zwei von fünf Mitgliedern der Familie in Sichtweite am Baumgartner Friedhof begraben, meine beiden Eltern, die beide in dieser Wohnung verstorben sind.

Was hat die Wohnung nicht alles an Freud und Leid erlebt, von der Reanimation meines Vaters über das fröhliche Lachen der Enkelinnen bis zum langsamen Abschied meiner Mutter, deren sehnlichster Wunsch es war, daheim zu sterben, umgeben von ihren Liebsten, neben ihrer Musik und ihren Instrumenten.

Es war immer eine sehr lebendige Wohnung, mit vielen Besuchen, Musikunterricht und musikalischen Abenden. Es war eine sehr „gebildete“ Wohnung, mit einer Bibliothek, die in ihren Tonnen interessanter Bücher kaum zu schätzen war – und bei der mein Vater der einzige war, der unter Tausenden Büchern stets mit einem Griff das gesuchte Exemplar zur Hand hatte. Es war eine musikalische Wohnung, mit einer liebevollen, großen und persönlichen Sammlung an Instrumenten, Noten, Schallplatten, Kassetten und CDs, die der Wohnung ihre musikalische Seele gaben.

Und dann war da der 20. Mai, als meine Mutter um 1/2 4 Uhr nachmittags zu atmen aufgehört hat. Die sterbliche Hülle geblieben ist, die Seele gegangen ist. Als unsere Pflegerin ihr ein Marienbild und mein Erstkommunionkreuz in die Arme gelegt hat, eh sie diese Wohnung physisch für immer verlassen hat.

Abschied auf Raten

Doch jede Rückkehr in die Wohnung hat sie in Erinnerung gerufen, in jedem Stück der Wohnung, jedem Instrument, jedem Schriftstück, jedem Foto war ein Stück von ihr zugegen. Ganz besonders schlimm am 5. Jänner, ihrem Geburtstag, als ich vom Grab gekommen bin und sich wie von Geisterhand der elektronische Bilderrahmen eingeschaltet hatte und ich vom Sofa aus Höhepunkte ihres Lebens im Schnelldurchlauf mitverfolgt habe.

Dann ist die letzte Phase der Wohnungsräumung gekommen. Nachdem ich Stück für Stück entscheiden musste, was geht und was bleibt, kamen die Räumer und es hat mir das Herz zerrissen, so manches Erinnerungsstück im Wust der wütenden Räumer am Boden zu sehen (auch wenn ich Gottseidank nicht bis zuletzt in der Wohnung geblieben bin). Es war brutal, zu sehen, was von einem Menschen bleibt – auch wenn es in dem Fall nur der physische Teil war.

Und gleichzeitig ist mir, dem die Trennung von der heimatlichen Wohnung nach 36 Jahren so unendlich schwer gefallen ist, mit jedem Stück Entkernung der Wohnung klar geworden, wie kahl diese physischen Relikte sind, wie wenig sie mit dem Erlebten, den Gefühlen, Freud und Schmerz gemein haben.

Was bleibt?

Und genau das hat mich so sehr zum Nachdenken gebracht: Was bleibt, wenn wir einmal physisch nicht mehr da sind? Wo wird jemand sagen: „Das hat sich gelohnt“? Wo war´s vergebene Liebesmüh? Welches Relikt, welchen Gegenstand, welche Erinnerung wird jemand gerne für sich behalten? Und wo wird man sich denken: „Was hat der Depp da bloß alles angesammelt“? Wo wird jemand den „nützlichen Idioten“ vermissen? Und wo werden echte Lücken hinterlassen?

Schon als Jugendlicher war mein sehnlichster Wunsch, auch nach meinem Tod nicht in Vergessenheit zu geraten. Heute stellt sich mir die Frage: Wie möchte ich in Erinnerung bleiben?

Denn die Erinnerung wird nicht in Tonnen an Büchern, Terrabyte an Fotos oder zigtausenden an Tweets gemessen werden. Bleiben wird nur eine Erinnerung, die in Gefühlen gemessen werden kann.

P.S.: Mein Dank gilt all jenen echten Freunde, die mir in dieser schwierigen Zeit emotional und physisch, beim Räumen, zur Seite gestanden sind und mich nicht alleine gelassen haben. Und all jenen, die meine schwierige Situation nicht nur nicht ausgenutzt haben – sondern ganz im Gegenteil, sie für mich ein Stück erträglicher gemacht haben. Mein Dank lässt sich nicht in Worte fassen – ebenso unschätzbar, wie es Eure Hilfe war!

 

 

4 Kommentare zu „Was bleibt? Was geht?

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