Was heißt hier Bosniak?

Bosniak – das ist ein etwas überalterter Begriff für einen Bosnier bzw. muslimischen Slawen. Es kann auch ein polnischer oder preußischer Reiter, eine Kleinpferdrasse oder ein Schwarzbrot sein. Bosniak ist aber auch der Name eines Wissenschaftlers, der die Klassifikation von Nierenzysten definiert hat – vom Typ I, einer harmlosen Zyste, bis zu Typ IV, der so gut wie immer Krebs ist.

Alles nicht so schlimm…

Als ich nach meinen Lungeninfarkt im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder gelegen bin, wurde bei mir als Zufallsbefund ein Nierentumor entdeckt. Die Ärzte waren um Beruhigung bemüht: Ist ja nur ein Zufallsbefund, eh noch so klein, wird nicht so schlimm sein. Ja, es kann auch Krebs sein. Es kann alles sein. Aber wir wissen es ja noch nicht. Nur leicht beunruhigt war ich nach der Entlassung beim Hausarzt: Ernste Miene, verdammt ruhig für seine Verhältnisse. Ja, es kann Krebs sein. Aber es ist ja nur ein Zufallsbefund.

Neugier und Dr. Google – eine gefährliche Kombination

Ja, und dann kam meine verdammte Neugier – und Dr. Google: Eine der ungünstigsten Kombinationen, die man sich in dieser Situation vorstellen kann. Im Befund stand „Bosniak Typ IV“. Schnell in Google nachgeschlagen: Einteilung von Nierenzysten nach Bosniak. Typ IV: „Eindeutig zystisches Malignom (Nierenkrebs)“. Da stand es also. Schwarz auf Weiß. Ohne Wenn und Aber. Das war kein Warnschuss meines Körpers, wie beim Lungeninfarkt oder bei den Herzrhythmusstörungen. Diesmal war es ein glatter Volltreffer.

Mittlerweile weiß ich nach Gesprächen mit (befreundeten) Ärzten: Ganz so 100% sicher ist das mit dem Krebs – gottseidank – nicht. Man spricht von „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“. Nicht viel besser, aber doch irgendwie weniger trostlos. Was sagt Dr. Google dazu? Sicher weiß man das erst nach der Operation. Ist es Krebs, liegt die 5-jährige Überlebenschance bei 77%, die 10-jährige bei 71%. Wird der Tumor – wie bei mir – besonders früh erkannt, liegt die Überlebenschance sogar eindeutig über 90%. Gute Nachrichten!

Kein Licht ohne Schatten: Denn das Problem dabei ist: Wegen meines Lungeninfarkts und den deswegen nötigen Blutverdünnern kann ich erst in 3 Monaten operiert werden – außer die Situation wäre akut lebensbedrohlich. Offensichtlich schätzen die Ärzte das bei mir als nicht so gefährlich ein. Eine gute Nachricht. Aber wie sieht´s in 3 Monaten aus?

Quälende Ungewissheit

Was bleibt ist die Ungewissheit: Wie entwickelt sich der Tumor? Wird er größer? Bildet er am Ende gar Metastasen? Nach ärztlicher Ansicht ist vor allem Letzteres eher auszuschließen. Doch es bleibt eine gewisse Skepsis. Schließlich ist meine Mutter vor 5 Jahren an einem Glioblastom, einem Hirntumor gestorben – und das innerhalb von nur 6 Monaten. Zwischen der letzten „gesunden“ CT und den ersten schweren Symptomen des Hirntumors sind damals gerade einmal 3 Wochen gelegen. Sicher, das war eine völlig andere Krebsart.

Aber was weiß ich schon? Ich wünschte, ich hätte statt Supermans Röntgenblick einen MRT-Blick, mit dem ich ich von Zeit zu Zeit nachschauen könnte, ob eh noch alles in Ordnung ist. Hab ich aber nicht. Und alle paar Wochen zur Sicherheit ein MRT machen wird´s auch nicht spielen. Es bleibt die Ungewissheit. Und die wird zur lähmenden Angst.

Und nun?

Mein Leben ist nun an diesem einen Moment erstarrt. Alle bisherigen Prioritäten sind irrelevant geworden. Das hat etwas Erschreckendes – und etwas Heilsames. Es hilft, alles im Leben neu zu bewerten, Wichtigkeiten zu korrigieren und sich ganz aufs Menschsein zurückzuziehen. Vielleicht ist es einfach eine einmalige Chance, zu dem Menschen zu werden, den ich noch nicht kenne, der ich aber in Wirklichkeit sein will. Es könnte eine spannende Entdeckungsreise ins eigene Ich werden, eine Reise die mich, wenn ich sie überlebe, zum Positiven verändert.

Was will ich?

So möchte ich mit diesem Blogbeitrag auch den Startschuss von der Schockstarre hin zu neuer Kraft finden. Ich möchte meine Gedanken, meine Gefühle, meinen Fortschritt in diesem unfreiwilligen Lebensexperiment teilen. Ich möchte zum Nachdenken anregen. Ich möchte Themen wie Krebs, Krankheit und Gefühle aus ihrem tabuisierten Winkel hervorholen. Und ich möchte versuchen, meine große Herausforderung auf diese Weise besser bewältigen.

Leben – jetzt erst recht!

Ich möchte es hinausschreien in die Welt, will das Echo hören, Menschen berühren und Anderen in einer ähnlichen Situation die Hand reichen: Ja, Du bist nicht allein. Du bist nicht tot. Du lebst mehr als so mancher Workaholic oder dauerpräsente Social Media Influencer. Nütz deine Chance!

Vor allem aber hoffe ich, dass mir das Schreiben hilft. Ich merke, wie mir mit jedem Wort, mit jedem Buchstaben das Herz ein wenig leichter wird. Ich spüre, wie ich die Last, die tonnenschwer auf meinen Schultern ruht, Gramm für Gramm von mir genommen wird und beginnt, sich in Luft aufzulösen.

Und wenn es doch kein Happy End gibt, so hinterlasse ich doch ein Stück von mir, dass noch länger weiterleben wird und mich besser darstellt, als jeder politische Tweet und jede Social Media Analyse. Aber daran möchte ich jetzt gar nicht denken.

11 Kommentare zu „Bosniak Typ IV

  1. Danke für die große Offenheit, lieber Gerhard Loub! Es ist heilsam für viele andere Betroffene, wenn offen über die Krankheit gesprochen wird. Unzählige Menschen kommen in eine vergleichbare Situation, entweder selbst oder über einen geliebten Angehörigen, und sind mit Diagnose und Verarbeitung auf sich selbst zurückgeworfen und allein. Das ist eine sehr schwierige menschliche Erfahrung.
    Meine eigenen Erfahrungen mit der Krankheit Krebs haben sich sehr geändert. Während vor 20 Jahren in meinem Umfeld die Todesrate bei einmal diagnostiziertem Krebs sehr hoch war, sind mittlerweile die gut überlebenden Freunde, Familienmitglieder und Bekannten weit in der Überzahl. Dachte ich vor 20 Jahren, mich nie und nimmer einer Chemotherapie aussetzen zu wollen, wenn es mich betreffen sollte, würde ich heute angesichts der vielen Genesenen anders entscheiden. Die Medizin hat unglaubliche Fortschritte gemacht.
    Ihnen die besten Wünsche und unbekannterweise herzliche Grüße! BK

  2. Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute zu einer Genesung. Kraft, Gottvertrauen und Menschen in Ihrem Umfeld die immer ein offenes Ohr für Sie haben. Ich finde Ihre Art der Verarbeitung heilsam. Schreiben Sie weiter. Alles Gute!

  3. es freut mich, daß du dich durch dieses „gfrast“ nicht unterkriegen laßt. deinen entschluß, auf diese weise die sicher nicht einfache zeit ein wenig besser bewältigen zu können, finde großartig. ich wünsche dir alles, alles gute!

  4. Phouu! Starker Tobak, aber auch eine wahnsinnig starke Einstellung! Du zeigst Mut und Entschlossenheit! Gratuliere und wünsche von Herzen Alles Gute! ???

  5. Gratulation zu diesem mutigen Schritt und viel Kraft und Zuversicht für den neuen Abschnitt eines vielleicht schöneren, weil BEWUSSTEREN Abschnitt des LEBENS.

Und Deine Meinung?