Digitalisierung, Internet und Konvergenz – Auswirkungen auf politische Kommunikation

Wie verändern neue technische Entwicklungen – gemeint sind die Digitalisierung, das Internet und die Konvergenz der Endgeräte – die Kommunikation, namentlich die politische Kommunikation? Worauf haben sich die Anbieter und die Nachfrager von politischer Kommunikation einzustellen? Auf welchen Plattformen, in welchen Foren und in welchen Arenen finden politische Information und politische Auseinandersetzung statt?

Die „neuen technischen Entwicklungen“ sind die größte Neuerung für Medien seit der Erfindung des Buchdrucks. Die Auswirkungen auf die Kommunikation sind daher in 2.000 Zeichen (von denen ich bis hier bereits 208 verbraucht habe) nur in kurz angerissenen Impulsen zu erfassen.

Was waren die wichtigsten Einschnitte? Relevante Digitalisierung spätestens seit den 70er-Jahren (zählt man etwa „Morsen“ oder „Telefonieren“ dazu noch weitaus früher), relevantes Internet seit den 90ern (WWW, ARPA bereits 1969), Konvergenz und Rückkanalfähigkeit, die mit der bisherigen Feedback-Möglichkeit gegenüber Massenmedien nichts mehr zu tun hat. Das sog. „Web 2.0“ (fälschlich auch komplett subsumiert unter „social media“) stellt das frühere Publikum publikationsmäßig zumindest theoretisch auf eine Ebene, auf Augenhöhe, mit den traditionellen Massenmedien.

Und genau hier liegt bereits die erste große Falle begraben: Jeder kann publizieren, oder – wie Reitan überspitzt formuliert – „Jeder kann Journalismus“. Denn jedem stehen (theoretisch) die nötigen Mittel zur Verfügung. Zu Beginn des Zeitungswesens waren Zeitungen noch ein Nebenprodukt, um die Druckerpressen auszulasten, konnten nicht alle, aber mehr als früher, ihre Printprodukte einer mehr oder weniger breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Höhe der Auflage war dann aber schon eine finanzielle Frage. Heute ist das anders. Das Einrichten eines Blogs, die theoretische Verfügbarkeit für Milliarden von Menschen, verursacht keine primären Kosten (sieht man einmal von Zeit und gegebenenfalls Engagement ab). Die Folge ist eine wahre Flut von Publikationen, von denen der Rezipient förmlich erschlagen wird. Die kostbare Ressource ist nun nicht mehr das Papier, Knappheit herrscht bei der Ressource „Aufmerksamkeit“.

Kommen wir nun zu Reitans Spruch „Jeder kann Journalismus zurück“. Ja, jeder kann publizieren. Aber im Ernst: Ist das noch Journalismus? Aber auf der anderen Seite wird sich hier mancher die Frage stellen: Ist das, was manches Boulevard-Blatt schreibt, was mancher Internet-Redakteur aus der APA kopiert, noch Journalismus? Sind Leser-Reporter Journalisten, nur weil sie ein Medium – wie bei „BILD“ in einem Probelauf passiert – mit einer Art „Presseausweisen“ ausstattet?

Reitan beantwortet die Frage mit einem ganzen „Kanon“ an Qualitätsnormen, die er nach Meier, Imhof und Hermes an den Journalismus anlegt. Ohne ihm hier nahe treten zu wollen, wird diesen Kanon kaum ein Journalist in Österreich erfüllen (auch wenn diejenigen, die es tun, eine Leuchtturm-Funktion in der heimischen Medienwelt haben sollten). Und es wird spannend, wie Reitan die Situation von anderer Perspektive aus bei „Milestones Communication“ beurteilen wird. Demgegenüber erfüllt so mancher „Laienjournalist“, etwa ein Blogger bei „Kobuk“, journalistische Kriterien mehr als so mancher Boulevard-„Journalist“ einer Gratiszeitung, der immer die Interessen der Inserenten seines Blatts und gewichtiger politischer Akteure im Auge haben muss. Und ja, so ein „Journalist“ würde auch dem Reitanschen Kanon nicht gerecht werden. Das heißt jetzt nicht, dass wir auf Journalismus verzichten können. Nein, ganz im Gegenteil, in der Informationsflut brauchen wir gerade jetzt echten, guten Journalismus. Wir werden uns aber überlegen müssen, den Begriff selbst etwas auszuweiten und die Qualitätskriterien wesentlich strenger zu verfolgen. So mancher „A-Blogger“ steuert jetzt schon in den USA wertvollen Journalismus bei (und damit ist jetzt nicht die politisch starr orientierte und mittlerweile streng monetären Interessen untergeordnete „Huffington Post“ gemeint).
Diese Änderung stellt wie die Tatsache, dass Information und Nachrichten im Web als „kostenlos“ erwartet werden und „paid content“ schwer zu etablieren ist, eine große Herausforderung für die traditionellen Massenmedien dar, die mehr und mehr ums Überleben kämpfen. Hier tauchen viele Fragen auf:

  • Wird die Zeitung überleben? Vielleicht nur als epaper? Werden Rezipienten bereit sein, dafür zu zahlen? Kann das über das Anzeigengeschäft abgefangen werden?
  • Verschmilzt Multimedia auf einem einzigen Gerät (Zeitung, Radio, TV, Video, Internet etc. etwa am Tablet)?
  • Wird Fernsehen so wie jetzt das Radio zum „Hintergrundgeräusch“? Wird Fernsehen im Sinne von TV-Stationen überleben oder wird es nur mehr On-Demand-Lösungen geben?

Warum ich mich bei der Frage der Änderung bei der politischen Kommunikation so intensiv dem Journalismus widme? Nein, das ist – wie ich hoffe – keine Themenverfehlung, sondern dient der Verdeutlichung der wesentlichsten Änderung durch die neuen Entwicklungen. Während die Politik früher mangels Kontaktmöglichkeit zu allen Wählern dem „good will“ der Gatekeeper des Journalismus „ausgeliefert“ war (auch hier bewusst überspitzt formuliert), hat sie nun die Möglichkeit, selbst in die Rolle des direkten Kommunikators zu schlüpfen, direkt mit Massen an Wählern Kontakt aufzunehmen oder andere Kommunikatoren wie Blogger oder Twitterer einzusetzen. Was in der Theorie schön klingt, hält allerdings in dieser „reinen“ Form dem Praxistest nicht stand. Denn auch die Politik muss sich in der Informationsflut behaupten. Und ob sie direkt über Newsletter, Homepage, Twitter oder Facebook eine ausreichende Zahl an Wählern erreicht, ist mehr als fraglich. Ist das bei den ersten drei Medien eher auszuschließen, so ist bei Facebook trotz der niedrigen Fanzahlen eine relevante Reichweite möglich. Denn Inhalte können auf Facebook auch über digitale „Mund-zu-Mund-Propaganda“ via Liken und Sharen verbreitet, durch extrem gut getargete Werbung verstärkt werden. So hat die Facebook-Seite von ÖVP-Chef Michael Spindelegger bis zum Wahlkampfende die nicht gerade sensationelle Zahl von 23.000 Fans erreicht – ist aber mit Inhalten auf eine Reichweite von bis zu 1 Million Facebook-Usern pro Woche gekommen – und hier beginnt eine massenmediale Relevanz . Die erste große Änderung ist also, dass neben Journalisten neue „Gatekeeper“ auftreten, dass es – zumindest theoretisch – möglich ist, an Gatekeepern vorbei breit zu kommunizieren.

Die zweite große Änderung ist die zumindest theoretische Bedeutungsaufwertung der Wähler. Jeder kann Videos mit dem Handy machen und bereitstellen, jeder kann bloggen, twitter, facebooken. Aber die Frage ist angesichts der Knappheit der Ressource „Aufmerksamkeit“: Wer soll das alles lesen, sehen, hören? Auch hier wird es wieder darauf ankommen, gute Netzwerke aufzubauen, zu etablieren und zu pflegen, Gatekeeper „2.0“ – also die opinion leader des „Web 2.0“ – für sich zu gewinnen und letztendlich – ja, darauf kann nach wie vor nicht verzichtet werden – eine entsprechende Präsenz in traditionellen Massenmedien zu erreichen.

Dennoch muss etablierten politischen Akteuren klar sein: Das Monopol auf politisches Agendasetting durch Parteien und traditionelle Massenmedien ist endgültig vorbei. #unibrennt wurde durch den Druck von Facebook zum Thema, ORF-Chef Wrabetz konnte Niko Pelinka als Büroleiter nicht durchbringen, weil Twitter das Thema über die weihnachtliche mediale Fadesse rettete und für den nötigen Druck sorgte, um Pelinka nach den Feiertagen, an denen auch keine Zeitung erschien, zum massenmedialen Thema zu machen.

Auch die Parteien müssen sich daran gewöhnen, dass ihr Handeln nicht unbeobachtet bleibt. Wurden kritische User früher aus Foren ausgesperrt, können sie jetzt etwa auf Facebook schnell Protestgruppen gründen, die groß genug werden, um der Partei mehr Schaden zuzufügen, als sie Aufwand hätte, sich mit dem „unbotmäßigen“ Wähler auseinanderzusetzen. Die neue „Macht des Kunden“ ist – zumindest in kleinem Rahmen – auch die neue „Macht des Wählers“.
Und schließlich wird e-democracy vor allem für den Fall, dass verpflichtende Plebiszite (egal ob Volksabstimmung oder Volksbefragung) eingeführt werden, dem Bürger durch „Neue Medien“ enorm viel Macht in die Hand geben.

Wo aber findet die dafür nötige Diskussion statt?

  • Facebook ist das „Massenmedium“ des Web 2.0, das mit 3 Millionen österreichischen Usern mehr als jeden zweiten Internetuser erreicht. Die Diskussion ist breit gestreut: Von Zeitungsseiten über die Präsenzen politische Parteien bis zur Diskussion unter Facebook-„Freunden“.
  • Twitter ist das „Elitenmedium“ mit geschätzten 150.000 Usern in Österreich (davon etwa die Hälfte aktiv). Hier interagieren Politiker mit Journalisten, Wirtschaftsbossen, Experten, Opinion Leadern und poltisch Interessierten. Das Ergebnis dieser Diskussion findet sich dann meist in der massenmedialen Berichterstattung. Hier ist also vor allem die Sekundärkommunikation relevant.
  • Google+ ist als politisches Kommunikationsmedium noch nicht relevant, hat aber für SEO eine enorme und von den meisten noch stark unterschätzte Bedeutung.
  • Diskussion und Interaktion findet auch in Diskussionsforen – vor allem von Massenmedien – und vereinzelten Chats statt.
  • Blogs aber auch Reblogging-Systeme wie TumblR oder andere Mashups haben in Österreich noch untergeordnete Bedeutung.

(Weitere Aufzählungen würden den Rahmen wohl sprengen.)

Und so bleibt mir nach mittlerweile 9.363 Zeichen nur mehr die Gelegenheit, über die Kürze der vorhandenen Zeit für das umfassende Thema zu lamentieren. Aber was erwarte ich mir in einer Zeit, in der die wichtigsten Informationen twittergerecht in 140 Zeichen passen sollten?

Diese Ausarbeitung ist die Beantwortung einer Prüfungsfrage an der Donau-Universität Krems / Politische Kommunikation bei Prof. Plaikner und Prof. Filzmaier.